{"id":5761,"date":"2023-12-06T12:56:26","date_gmt":"2023-12-06T12:56:26","guid":{"rendered":"https:\/\/flex-power.energy\/?p=5761"},"modified":"2025-09-03T18:54:46","modified_gmt":"2025-09-03T18:54:46","slug":"stromhandel-bilanzkreis-bewirtschaftung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/flex-power.energy\/de\/energieblog\/stromhandel-bilanzkreis-bewirtschaftung\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Ungleichgewicht im System f\u00e4llt geringer aus&#8220;"},"content":{"rendered":"<blockquote style=\"\"><p>Ein seit Jahren heftig diskutiertes Thema im deutschen Stromhandel ist die Frage nach der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung. Sollen Bilanzkreisverantwortliche &#8211; wie in vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern &#8211; auch in Deutschland das System durch bewusste Ungleichgewichte in ihren Portfolios st\u00fctzen d\u00fcrfen oder nicht? FlexPower diskutiertE die Ergebnisse einer neuen Studie zum Thema mit dem Autor, Prof. Dr. Lion Hirth von NEON Neue Energie\u00f6konomik. Im folgenden findet ihr das transkript des webinars, <a href=\"https:\/\/youtu.be\/T0Ogl7LgxY0?si=sjOJ664j4ly6IsqQ\" target=\"_blank\" style=\"outline: none;\">dessen aufzeichnung ihr euch auch auf youtube ansehen k\u00f6nnt<\/a>. Das Folgende transkript ist f\u00fcr bessere lesbarkeit redaktionell bearbeitet.<\/p><\/blockquote>\n<h2 id=\"t-1691495644226\"><strong>Was ist die systemst\u00fctzende Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/strong><\/h2>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em>Hallo Lion, <a href=\"https:\/\/neon.energy\/\" target=\"_blank\" style=\"outline: none;\">NEON Neue Energie\u00f6konomik<\/a> hat vor kurzem eine Studie zum Stromhandel in Deutschland ver\u00f6ffentlicht. Kannst du uns kurz dar\u00fcber berichten? Was war das Hauptthema der Studie?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, und guten Morgen aus Berlin. Unsere Studie, die wir im Auftrag mehrerer Unternehmen durchgef\u00fchrt haben, befasste sich mit dem langj\u00e4hrig diskutierten Thema des Bilanzkreismanagements. Schon 2003, als ich bei Vattenfall arbeitete, begann ich damit und habe seitdem mehrere Projekte und Artikel dazu verfasst. Im Fokus stand die Frage, worauf Bilanzkreisverantwortliche in ihrem Portfolio-Management, im kurzfristigen Anlagen-Dispatch und im Intraday-Handel achten sollten.<\/p>\n<p>Genauer gesagt, ging es um die Entscheidung, ob sie ausschlie\u00dflich auf ihren eigenen Bilanzkreis schauen sollten, um ihn m\u00f6glichst ausgewogen zu halten (physisches Bilanzkreismanagement), oder ob sie auch das Gesamtsystem im Blick haben sollten, insbesondere den Ausgleichsenergiepreis, der die Knappheit im System in Echtzeit beschreibt. Sollten sie versuchen, nicht nur auf eine Null im eigenen Bilanzkreis abzuzielen, sondern auch das System insgesamt zu stabilisieren, indem sie beispielsweise ihren Bilanzkreis leicht \u00fcberdecken, wenn das System knapp an Energie ist?<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Das klingt zun\u00e4chst kompliziert f\u00fcr Nicht-Experten im Bilanzkreismanagement. Lass uns tiefer in deinen letzten Satz eintauchen. Wenn das System, wie du gerade erkl\u00e4rt hast, unterversorgt ist, kaufen sie zus\u00e4tzlichen Strom ein, oder? Kannst du das anhand eines konkreten Beispiels erkl\u00e4ren? Welche Auswirkungen h\u00e4tte das, und was passiert mit dem gekauften Strom, den der Bilanzkreisverantwortliche m\u00f6glicherweise nicht ben\u00f6tigt, und wie sieht es auf der Verk\u00e4uferseite aus?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Ich schaue hier aus dem Fenster und sehe Reuter West, das Kohlekraftwerk in West-Berlin rauchen. Stell dir vor, ich bin der Eigent\u00fcmer und Betreiber dieses Kraftwerksparks in Berlin. Ich habe geplant, in dieser Stunde 500 MW Strom zu erzeugen und davon ein Viertel als MWh in der Viertelstunde zu verkaufen. Ich betreibe also meine Anlagen mit 500 MW.<\/p>\n<p>Wenn alles wie geplant l\u00e4uft, ist mein Bilanzkreis ausgeglichen, und ich bekomme oder zahle keinen Ausgleichsenergiepreis. Die Stromvermarktung erfolgt ausschlie\u00dflich im Gro\u00dfhandel. Wenn ich jedoch auf die Systembilanz oder den Ausgleichsenergiepreis schaue und feststelle, dass es in Deutschland einen erheblichen Mangel an Strom gibt (zum Beispiel aufgrund unerwartet weniger Solarerzeugung oder eines ausgefallenen Kraftwerks), kann ich reagieren.Warum sollte ich das tun? Weil sich dieser Mangel im Ausgleichsenergiepreis widerspiegeln wird. Das bedeutet, dass der Preis f\u00fcr die Bilanzkreisabweichungen h\u00f6her sein wird als erwartet oder h\u00f6her als der Spotpreis von gestern f\u00fcr diese Stunde. In diesem Fall k\u00f6nnte ich eine zus\u00e4tzliche Anlage hochfahren, um mehr Strom zu produzieren, als ich verkauft habe. Das f\u00fchrt zu einem \u00dcberschuss in der Bilanzkreisabrechnung, der finanziell durch den h\u00f6heren Ausgleichsenergiepreis ausgeglichen wird.Aber was passiert mit dem \u00fcbersch\u00fcssigen Strom physikalisch im Netz? Wenn das Netz zuvor knapp an Energie war, habe ich durch mein Handeln dazu beigetragen, das System zu stabilisieren und in Richtung eines ausgeglicheneren Systems zu lenken. Das bedeutet weniger Frequenzabweichungen, weniger aktivierte Regelleistung durch Netzbetreiber und weniger ungeplante Fl\u00fcsse \u00fcber die deutschen Interkonnektoren aus dem Ausland. Das verbessert den Betrieb des Stromsystems und macht ihn stabiler, einfacher und sicherer.<\/p>\n<h2 id=\"t-1701866108102\"><strong>Was sind die Risiken der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/strong><\/h2>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Das klingt f\u00fcr mich als Nicht-Stromh\u00e4ndler zun\u00e4chst positiv. Aber warum ist dieses Thema so umstritten? Es m\u00fcssen doch auch Risiken damit verbunden sein.<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Es gibt im Grunde zwei Philosophien: der physische Ausgleich des Bilanzkreises gegen\u00fcber dem systemorientierten Bilanzkreisausgleich. Man kann es auch als \u00f6konomischen versus elektrotechnischen Blick betrachten. \u00d6konomisch gesehen, und ich bin \u00d6konom, ist dies im Grunde genommen einfach. Bei korrekten Preisen und einem robusten System werden Unternehmen auf Preis\u00e4nderungen reagieren. Bei einem Mangel an Energie wird mehr produziert, und bei einem \u00dcberschuss wird weniger produziert. Das ist sinnvoll und unterst\u00fctzt das System.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Und mit Preis meinst du in diesem Fall den Ausgleichsenergiepreis?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Genau. Immer wenn ich ohne Qualifizierung Preis sage, dann meine ich in der heutigen Session den Ausgleichsenergiepreis, also den Preis, mit dem Bilanzkreisabweichungen am Ende finanziell glattgestellt, also gesettlet, werden.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es aber noch einen anderen Blick darauf. Und das ist vielleicht einer, der jetzt eher f\u00fcr die Kolleginnen und Kollegen in der Systembetriebsf\u00fchrung nat\u00fcrlich ist. Da gibt es ein bisschen die Perspektive, dass man sagt, Markt sch\u00f6n und gut, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein und dann \u00fcbernehmen wir. Also wir erlauben Handel bis, wei\u00df ich nicht, f\u00fcnf Minuten vor Gate Closure. Aber zu dem Zeitpunkt wollen wir, dass alle Bilanzkreise f\u00fcr sich genommen ausgeglichen sind und dass da niemand mit rumwurschtelt im System, sondern ab dem Moment gilt die Regelleistung, gilt die Hoheit der Systembetriebsf\u00fchrung und da wollen die UNB in den Dispatch-Centern wissen, was passiert und die Regler selber bet\u00e4tigen und sich auf den Minutenreserve- und den SRL-Regler verlassen.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Ist es denn denkbar, jetzt mal dieser zweiten Denkweise folgend, dass H\u00e4ndler durch diesen Ausgleichsenergiemechanismus das System sozusagen systematisch destabilisieren? Das w\u00e4re ja das Worst-Case-Szenario, was vorstellbar w\u00e4re.<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Ganz genau und das ist auch gar nicht so eine theoretische Denke, weil wir 2019 im Juni tats\u00e4chlich drei Situationen hatten, die waren jetzt noch nicht Worst-Case, aber ich w\u00fcrde sagen, die waren schon knapp am Eisberg vorbeigeschrammt. Das h\u00e4tte auch aus meiner Einsch\u00e4tzung schief gehen k\u00f6nnen. An der Situation kann man, glaube ich, ganz gut diskutieren, welche Gefahren in dem System sind. Eine Gefahr ist im System, wenn Informationen, die ver\u00f6ffentlicht werden, auf denen die Marktteilnehmer, die Bilanzkreisverantwortlichen, die Trader reagieren, wenn diese Informationen falsch oder irref\u00fchrend sind.<\/p>\n<p>Zum Beispiel, 12. Juni 2019, in der Situation, die dann ziemlich kritisch wurde, war eine massive Unterdeckung. Wir hatten in der Spitze bis zu 10 Gigawatt Unterdeckung der Bilanzkreise. 10 Gigawatt ist wirklich sehr, sehr viel, und die (f\u00e4lschlich) ver\u00f6ffentlichten Werte der Netzbetreiber sahen ganz entspannt aus und deuteten auf ein viel weniger unausgeglichenes System und zum Teil sogar auf ein System im Gleichgewicht hin. Das war ein IT-Fehler irgendwo im System. Wenn man Reaktionen des Marktes auf Informationen will und braucht und diese Informationen falsch sind, ist relativ naheliegend, dass auch die Reaktionen in die ungew\u00fcnschte Richtung f\u00fchrt und in dem Fall jetzt noch nicht ins Verderben, aber dann doch in eine ziemlich kritische Situation gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, im Umkehrschluss, man muss hier nat\u00fcrlich wirklich an Robustheit, IT-Sicherheit, und Redundanzen von Datenver\u00f6ffentlichung denken. So wie wir das ja auch in anderen Systemen haben, also der SRL-Abruf oder allgemein die Regelleistungsaktivierung, die muss ja auch hohen IT-Anforderungen gen\u00fcgen und zumindest in der Richtung sollte das auch f\u00fcr die systemrelevanten Echtzeitdaten gelten.Und der zweite Punkt ist, wenn zwar die Informationen richtig sind, aber die Anreize falsch sind, dann werden wir auch eine falsche Reaktion bekommen. Der Ausgleichsenergiepreis unterliegt einer \u00e4u\u00dferst komplexen Preisformel. Ich glaube, in der aktuellen Variante erstreckt sich diese Formel \u00fcber 15 Seiten Dokument. Und die war fr\u00fcher auch schon mal nicht so gut. Und wenn die Preisformel nicht so gut ist, dann kann es Situationen geben, wo ich finanziell in einer Knappheitssituation nicht daf\u00fcr belohnt werde, selber mehr einzuspeisen, das System, also zu \u00fcberdecken, das Richtige zu machen, sondern das Gegenteil: Ich werde finanziell daf\u00fcr belohnt, das System zu destabilisieren, weil der Ausgleichsenergiepreis relativ niedrig ist. Relativ niedrig hei\u00dft immer im Vergleich zum aktuellen Intraday. Der war zum Beispiel im Juni 2019 schon bei ein paar 100 Euro, also schon relativ hoch. Aber wenn der Intradaypreis in dem Moment eher bei 1000 Euro ist, dann sind 400 Euro tats\u00e4chlich ziemlich wenig und in so einer Situation setzt der Preis den falschen Anreiz.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, wir brauchen ein System, das in zweierlei Hinsicht robust ist. Erstens hinsichtlich der <em>Information<\/em>, inklusive IT-Fragen, und zweitens hinsichtlich der Preisformel der <em>Anreizsystematik<\/em>.Und letzter Satz hierzu, weil ich jetzt so viel von vor vier Jahren gesprochen habe, nach 2019 ist da sehr viel passiert und nach meiner Einsch\u00e4tzung haben wir dann eine Preisformel f\u00fcr den Ausgleichsenergiepreis, die \u00e4u\u00dferst robust ist. Das zeigen auch unsere qualitativen Analysen. Die (Preisformel) zeigt quasi immer in die richtige Richtung und das kann man sowohl empirisch sagen, aber auch analytisch durchdenken.<\/p>\n<h2 id=\"t-1701866108103\">Wie l\u00e4uft die Praxis des &#8222;Mitregelns&#8220; ab?<\/h2>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Okay, nochmal zu der Studie, die du ja gerade selber angesprochen hast. Da beschreibt ihr, dass diese systemst\u00fctzende Bilanzkreisbewirtschaftung oder \u201eMitregeln\u201c, wie das auch manchmal etwas salopper genannt wird, heute ja bereits in Deutschland auch praktiziert wird &#8211; obwohl die Rechtslage unklar ist. Wie kommt ihr darauf? Wie habt ihr das herausgefunden?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Vielleicht sage ich nochmal zwei S\u00e4tze zur Rechtslage und dann zu unserer Studie und zu deiner Frage, auch wenn das ein kleiner Umweg ist. Die Rechtslage ist so, dass es eine europarechtliche Regelung gibt, die aus der <a href=\"https:\/\/www.entsoe.eu\/network_codes\/eb\/\" target=\"_blank\" style=\"outline: none;\">European Balancing Guideline<\/a> kommt und die sagt, ich paraphrasiere mal kurz, dass man entweder den eigenen Bilanzkreis auf Null stellen und sozusagen als Zielfunktion haben kann oder das man das System im Blick haben kann. Das ist eine Verordnung, das hei\u00dft, die ist unmittelbar wirksam und da gibt es die Rechtsauffassung, dass das jeder Markteilnehmer f\u00fcr sich entscheiden kann, dass man entweder das eine oder das andere machen kann. Damit w\u00e4re das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement problemlos m\u00f6glich. Und die andere Rechtsauffassung ist, dass die UNB oder ein deutsche Akteur, wie die BNetzA, das entscheiden darf und dann m\u00fcssen sich alle deutsche Firmen dran halten. Ich bin kein Jurist, ich kann das nicht entscheiden, aber BNetzA und Netzbetreiber haben gemeinsam den Bilanzkreisvertrag aufgesetzt und da gibt es eine Regelung dazu, da steht dann doch relativ eindeutig, Bilanzkreisverantwortliche m\u00fcssen jetzt nicht alles M\u00f6gliche, alles Menschenm\u00f6gliche tun, aber im Rahmen des sinnvoll Machbaren den eigenen Bilanzkreis auf Null zur\u00fcckf\u00fchren. Also da ist das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement nicht vorgesehen. Das ist kein Gesetz, aber es ist halt ein Vertrag, den alle Marktakteure in Deutschland unterschreiben.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Was ich mich schon immer gefragt habe, ist, wenn das so ist, und das ist ja legitim, warum gibt es dann diesen Ausgleichsenergiemechanismus, mit dem ich sogar Geld verdienen kann? Also warum dann diesen finanziellen Anreiz setzen?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Das ist eine legitime Frage.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Oder lass es mich noch anders formulieren: Hat dieser Ausgleichsenergiemechanismus oder dieser Preismechanismus, dieser Preisanreiz, noch eine andere Funktion als die, die potenziell nicht erlaubt ist?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, nicht wirklich. Also man kann nat\u00fcrlich sagen, das ist, wie wir es im politischen Berlin immer sagen, der Hosentr\u00e4ger zum G\u00fcrtel. Also wir verbieten was und zur Sicherheit machen wir noch einen Preisanreiz dr\u00fcber, dass die Unternehmen, die zum Beispiel schlechtes Bilanzkreismanagement machen oder in die falsche Richtung die Systembilanz versch\u00e4rfen, verschlechtern, verschlimmern, dass die nicht nur, sagen wir mal, das juristische Schwert \u00fcber sich sp\u00fcren, sondern auch das finanzielle, so kann man das sehen. Als \u00d6konom w\u00fcrde ich schon sagen, entweder man denkt in Anreizen oder man denkt in Verboten. Das sind zwei unterschiedliche Welten. Und ich sehe da schon so ein bisschen ein Fragezeichen.<\/p>\n<p>Und so ist auch die gelebte Praxis: Wir haben schon vor Jahren, vor zwei, drei Jahren eine wissenschaftliche Studie ver\u00f6ffentlicht, wo wir mit einem aufw\u00e4ndigen, statistischen Verfahren, f\u00fcr die Connaisseure, mit Instrumentalvariablen zur Sch\u00e4tzung der Nachfragekurve zeigen, dass der Markt auf den Ausgleichsenergiepreis reagiert. In diesem Verfahren verwenden wir nur \u00f6ffentliche Daten f\u00fcr diese Studien, denn wir haben nie Daten von Bilanzkreisverantwortlichen bekommen, sondern immer nur die Daten von ENTSO-E Transparency und Netztransparenz etc. genommen, und an den Daten kann man sehen, wenn man richtig statistisch draufschaut, dass der Markt auf Ausgleichsenergiepreise reagiert. Und auf den Preis reagieren hei\u00dft ja genau nichts anderes als systemdienliches Bilanzkreismanagement. Ich w\u00fcrde sagen, das ist statistisch etabliertes Wissen schon seit einigen Jahren.<\/p>\n<h2 id=\"t-1701866108104\">Was sind die volkswirtschaftlichen Effekte des systemst\u00fctzenden Bilanzkreismanagements?<\/h2>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Gut, wir gehen jetzt mal von dem Kleinklein des Stromh\u00e4ndleralltags weg und fragen uns, was sind die volkswirtschaftlichen Effekte von dieser anscheinend tats\u00e4chlich stattfindenden systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung? Was hat das Ganze f\u00fcr einen Effekt, wenn man nochmal einen Schritt zur\u00fccktritt?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Der unmittelbare Effekt ist nat\u00fcrlich, dass insgesamt das Ungleichgewicht im System geringer ausf\u00e4llt. Also jetzt im Beispiel vorher statt 1.000 MW Knappheit haben wir dann nur noch 900 MW Knappheit, wenn ich mit meinem Kraftwerk Reuter West 100 MW mehr Strom produziere, als ich vermarktet hatte. Und das hei\u00dft, Netzbetreiber m\u00fcssen dann 100 MW weniger <a href=\"\/de\/school-of-flex\/regelenergie\/\">Regelenergie<\/a> aktivieren. Prim\u00e4rregelleistung w\u00fcrde ja ohnehin nicht aktiviert werden, aber Sekund\u00e4r- und Minutenreserve, aFRR und mFRR, w\u00fcrden aktiviert, um solche Ungleichgewichte zur\u00fcckzufahren. Und wenn das Ungleichgewicht kleiner ist, muss man weniger aktivieren und dann muss man daf\u00fcr weniger Geld zahlen. Es ist also eine Kostensenkung. Diese Kostensenkungen werden auch wiederum \u00fcber den Ausgleichsenergiepreis umgelegt auf alle Marktakteure. Das hei\u00dft, davon profitieren am Ende alle Marktakteure, insbesondere die, die weil sie klein sind oder weil sie vielleicht jetzt beschr\u00e4nkte Ressourcen haben, selber auf der falschen Seite lagen; also die Systembilanz versch\u00e4rft haben, verschlimmert haben. Das sind vielleicht Stadtwerke, Verteilnetzbetreiber, kleine EE-Vermarkte oder Industriebetriebe. Die profitieren dann von geringeren Ausgleichsenergiekosten.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>\u2026 weil der Ausgleichsenergiepreis die Umlage der Abrufkosten der Regelenergie ist. Deswegen senkt das die Kosten\u2026<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Genau, die gehen zumindest mit ein. Das war fr\u00fcher enger einander gekoppelt. Das ist inzwischen aus guten Gr\u00fcnden nicht mehr so eng aneinandergekoppelt. Aber im Grunde ist es schon so, wenn insgesamt die Netzbetreiber deutlich h\u00f6here Kosten f\u00fcr Regelenergieabrufe haben, dann steigen auch die Kosten f\u00fcr Ausgleichsenergie und andersrum. Und das betrifft uns alle. Also wir selber sind jetzt zwar alle keine Bilanzkreisverantwortlichen, also zu Hause meine ich, im privaten Leben, aber wir zahlen nat\u00fcrlich mit \u00fcber die Verteilnetzentgelte, weil unsere Verteilnetzbetreiber f\u00fcr uns besser oder schlechter den Ausgleich \u00fcber Differenzbilanzkreise machen, die sich aus unseren Standardlastprofilen ergeben. Und wenn da die Kosten sinken, dann profitieren wir auch alle privat durch geringere Verteilnetzentgelte.<\/p>\n<h2 id=\"t-1701866108105\">Welche Auswirkungen hat das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement auf die ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie?<\/h2>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Was hat das denn f\u00fcr eine Auswirkung mittelbar dann auch auf die ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie? Wir haben jetzt \u00fcber die aktivierten Mengen an Regelenergie gesprochen, aber was ist mit den ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, da ist der Zusammenhang vielleicht nicht so unmittelbar und eindeutig, sondern den kann man ein bisschen qualifizieren. Das h\u00e4ngt davon ab, wie die \u00dcbertragungssetzbetreiber die Menge definieren, die ausgeschrieben wird. Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re zu sagen, wir finden dieses systemst\u00fctzende Bilanzieren gut, aber wir wollen dem nicht vertrauen und in der letzten Instanz wollen wir immer genug Leistung haben, also wir behalten die gleiche Leistung wie bisher. Dann w\u00e4re es keine Verschlechterung, aber auch keine Verbesserung aus Kostensicht, denn man w\u00fcrde einfach genau gleich viel Leistung ausschreiben. Oder man macht das, was die Netzbetreiber heute nach meinem Verst\u00e4ndnis machen, so ganz genau wei\u00df ich es nicht. Sie schauen sich im Grunde an, im Laufe des letzten Jahres, an \u00e4hnlichen Jahreszeiten und Wochentagen, wie viel Regelleistung wurde da tats\u00e4chlich aktiviert und legen dann eine Verteilungsfunktion dr\u00fcber und dimensionieren so die Regelleistung und wenn man das durchf\u00fchrt und insgesamt wird weniger aktiviert, auch am Rande der Verteilung, da wo viel Aktivierung notwendig war, wo man an die Grenzen der Vorhaltung kam, wenn auch da die Situation sich verbessert durch gutes Verhalten der Bilanzkreisverantwortlichen, was zu erwarten ist, dann w\u00fcrde auch weniger Regelleistung ben\u00f6tigt, weniger Regelleistung ausgeschrieben und damit auch geringere Kosten weitergegeben, die sich auch \u00fcbrigens wieder in den Netzentgelten finden, die wir auch alle mit bezahlen.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Das hast du jetzt im Konjunktiv formuliert, da wei\u00df ich ja noch, dass die ausgeschriebenen Mengen der Regelenergie ja sukzessive in den letzten 10, 12, 13 Jahren teilweise ja sogar massiv gesunken sind. Also siehst du da einen direkten Zusammenhang oder hat das andere Gr\u00fcnde, warum die ausgeschriebenen Mengen tats\u00e4chlich gesunken sind in Deutschland?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde das \u201eteilweise\u201c streichen und daf\u00fcr das \u201emassiv\u201c unterstreichen. Also ein Bild, was ich im Kopf habe, das nenne ich immer das <strong>deutsche Regelparadox<\/strong>, ist der Vergleich der erneuerbaren Energien und der Regelleistung, die in Deutschland ausgeschrieben wurde, sagen wir mal \u00fcber die letzten 15 Jahre.<\/p>\n<p>In den letzten 15 Jahren, ich habe hier gerade nochmal die Zahlen vor mir, haben wir die installierte Leistung von Wind und Solar, das sind ja die Technologien, von denen man plausiblerweise besorgt ist, dass sie die Regelleistungsbedarfe aufgrund wetterbedingter Unsicherheiten erh\u00f6hen, in dieser Zeit haben wir die installierte Leistung <strong>verf\u00fcnffacht<\/strong>. Ein massiver Zuwachs von \u00fcber 20 GW auf ungef\u00e4hr 130 GW Anfang letzten Jahres. In der Zeit h\u00e4tte man jetzt ex ante gedacht und das ist jetzt kein Konjunktiv, denn wir haben sogar eine Studie ver\u00f6ffentlicht vor \u00fcber zehn Jahren, wo wir gesagt haben, hey, passt auf, das ist ganz sch\u00f6n gef\u00e4hrlich, wir brauchen sicher viel mehr Regelleistung und mehr Regelleistung bedeutet h\u00f6here Kosten, mehr Must-Run, lauter Probleme, ein echtes Problem f\u00fcr die Energiewende. Pustekuchen, die n\u00f6tige Regelleistung bei der Verf\u00fcnffachung von Wind und Solar in Deutschland ist <strong>um die H\u00e4lfte gesunken<\/strong>. Das ist verr\u00fcckt und wenn man das Ingenieuren zeigt auf internationalen Konferenzen, ich habe das wirklich dutzendfach gemacht, dann sieht man da offene M\u00fcnder und das ist einfach nicht das, was ein vern\u00fcnftiger Elektrotechniker oder Energiesystemtechniker erwarten w\u00fcrde, weil man erwarten w\u00fcrde, mehr Wind, mehr Schwankungen, bedeutet viel mehr Regelleistung.<\/p>\n<p>Aber du hast ja spezifisch gefragt, ist das mit der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbwirtschaftung zu erkl\u00e4ren und da muss ich als Wissenschaftler sagen, ist es schwierig einen echt wasserfesten \u201eSmoking-Gun\u201c kausalen Nachweis zu f\u00fchren. Aber man kann nat\u00fcrlich mal \u00fcberlegen, was ist den letzten 15 Jahren an Verbesserungen so passiert ist. Und da ist nat\u00fcrlich einiges passiert bei den Netzbetreibern: der Netzregelverbund wurde eingef\u00fchrt, die internationale Kooperation SRR, Imbalance Netting wurde eingef\u00fchrt, jetzt vor kurzem auch ein bisschen anderes Thema, aber im Rahmen der Verbesserungen, sind Mari and Picasso, die internationalen Aktivierungsplattformen, eingef\u00fchrt worden. Alles richtig, aber es ist nat\u00fcrlich am Markt auch viel passiert. Der Viertelstundenhandel wurde eingef\u00fchrt, insgesamt ein massiver Anwuchs des Intradayvolumens und insgesamt auch eine viel bessere Prognostik, Datenanalyse und Portfolio-Management bei den BKV (Bilanzkreisverantwortlichen). Und warum ist es so? Nat\u00fcrlich auch, weil die Preisanreize wirken. Das hei\u00dft ich bin tats\u00e4chlich \u00fcberzeugt, dass der Treiber hinter diesen Verbesserungen am Markt und bei den Vermarktern ganz wesentlich getrieben wurde und wird durch die finanziellen Anreize. Und die Anreize im positiven wie im negativen Sinne. Also im negativen, dass man sich eine blutige Nase holt, wenn man in die falsche Richtung unausgeglichen ist und das will man vermeiden, aber schon auch im positiven Sinne, dass es sich finanziell lohnt, sich auf die richtige Seite zu setzen und dass das dazu f\u00fchrt, dass Firmen nicht nur ein Interesse haben, ihr eigenes Portfolio zu prognostizieren, sondern den Markt insgesamt zu prognostizieren und dadurch massive Verbesserungen, Fortschritte bei der Prognosequalit\u00e4t insgesamt, angetrieben wurden.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Okay, wenn wir den Gedanken weiterf\u00fchren, folgt nat\u00fcrlich f\u00fcr mich die Frage, was denkst du, was w\u00fcrde geschehen, wenn dann von heute auf morgen alle Bilanzkreisverantwortlichen, die sich heute, wie du gesagt hast, \u201eauf die richtige Seite stellen\u201c, jetzt nur noch ihren eigenen Bilanzkreis glattstellen und keinen Blick mehr auf das Regelzonensaldo werfen w\u00fcrden? Was w\u00fcrde in deinen Augen geschehen?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Also ich glaube, eine konkrete Zahl daran zu setzen, das w\u00e4re unseri\u00f6s, aber ich bin \u00fcberzeugt, dass, wenn das \u00fcber Nacht passieren w\u00fcrde, ab morgen macht das niemand mehr, dass dann sofort ein massiv h\u00f6herer Abruf an Regeleistung erfolgt, der sich auch in einem Sprung der Leistungsvorhaltung widerspiegeln muss, relativ kurzfristig. Ob das jetzt ein, zwei, drei Gigawatt sind, glaube ich, kann niemand oder kann ich zumindest auf Basis \u00f6ffentlicher Daten nicht seri\u00f6s sagen. Mein Gef\u00fchl ist, es ist ganz sch\u00f6n viel. Also mein Gef\u00fchl w\u00e4re eigentlich, mit den heutigen Mengen an Regelleistung h\u00e4tte man sehr schnell ein sehr massives operatives Problem, wenn man den Markt \u00fcber Nacht zwingen w\u00fcrde oder wenn der Markt \u00fcber Nacht sozusagen sein systemst\u00fctzendes Verhalten einstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Was ja auch ein weiterer Gedanke ist, wenn wir an die Regelenergie denken, und du hast das ja eingangs auch erw\u00e4hnt, die hat den gro\u00dfen Vorteil, sie ist komplett von einer zentralen Instanz kontrollierbar, sie ist einsetzbar, sie ist komplett beherrschbar, sie ist dimensionierbar. Sie hat aber nat\u00fcrlich eine viel k\u00fcrzere Vorlauffrist bei der Aktivierung. Wenn ich jetzt davon ausgehe, wie du in deiner Studie herausgefunden hast, dass heute schon manche Marktakteure vor dem Einsatz von Regelenergie durch die \u00dcbertragungsnetzbetreiber das System jetzt st\u00fctzen durch Zuk\u00e4ufe, Verk\u00e4ufe, was auch immer, dann haben sie mehr Zeit, ihre Kraftwerksparks zu dispatchen oder denke ich da zu kurz?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Nee, ganz genau. Vielleicht noch zwei S\u00e4tze zur Regelleistungsaktivierung und dann das von dir angeschnittene Thema.<\/p>\n<p>Regelleistung ist aus guten Gr\u00fcnden sehr schnell. Die aFRR, die SRL, muss im Grunde innerhalb von f\u00fcnf Minuten \u00fcber eine Rampe aktiviert werden. Die Minutenreserve, die mFRR, ist ein Fahrplanprodukt und wird mit 7,5 Minuten Vorlauf, glaub ich, aktiviert vor der Viertelstunde. Das hei\u00dft, nat\u00fcrlich kommen f\u00fcr die Erbringung dieser Dienstleistung nur Anlagen in Frage, die das k\u00f6nnen. Also sowohl technisch, die die Rampen k\u00f6nnen, aber auch operativ, die das Einbinden der IT k\u00f6nnen und die auch in jeder Situation immer innerhalb dieser wenigen Minuten die volle Leistung liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Was passiert jetzt zum Beispiel in der Realit\u00e4t mit der Wind- und Solarerzeugung? Was wir ja haben, ist, dass Wind- und Solarerzeugung zwar auch auf der Zeitskala von wenigen Minuten noch ein St\u00fcck Unsicherheit mit sich bringt, aber dass wir im Laufe der Zeit, also sagen wir, jetzt ist es gleich halb 10, dass f\u00fcr die Lieferung 10 bis viertel nach 10 im Laufe des letzten Tages und bis vor wenigen Minuten die ganze Zeit neue Wetterprognosen reinkamen. Das hei\u00dft, im Minutentakt kommen von irgendwelchen Prognostikern neue Modelle. Diese Modelle haben alle Unsicherheiten, sind zum Teil Ensemble-Modelle, Bandbreiten sozusagen, und die Metriken f\u00fcr Prognoseunsicherheit verschieben sich im Laufe der Zeit und werden immer besser und immer enger, ohne ganz auf Null zur\u00fcckzugehen. Was jetzt passieren kann und was in der Praxis passiert ist, dass sich viele Firmen am Markt diese Prognosemodelle anschauen und sagen, aha, okay, f\u00fcr die Lieferung, sagen wir mal jetzt in drei Stunden um 13 Uhr haben wir gerade eine Verschlechterung der Prognose, also es gibt ein bisschen weniger Windstrom, als wir gerade eben noch dachten. Und was jetzt sofort passiert, ist, dass Unternehmen diese Information \u00fcber Kauforders auf dem Intraday-Markt umsetzen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft, die sagen, wir wollen uns eher ein bisschen auf die sichere Seite setzen und ein bisschen mehr Strom haben als zu wenig, weil sich die Situation gerade eher verknappt hat. Die kaufen dann auf dem Intraday-Markt, treiben in dem Moment damit den Intraday-Preis nach oben und irgendwo anders in Deutschland oder im Ausland reagiert ein Kraftwerk, eine Batterie oder eine Flexibilit\u00e4t auf diesen h\u00f6heren Preis und produziert mehr Strom oder stellt mehr Strom zur Verf\u00fcgung. Und das passiert kontinuierlich jeden Moment, jetzt in meinem Beispiel drei Stunden vor Lieferung. Das hei\u00dft damit k\u00f6nnen auch alle Anlagen und alle Firmen und alle Betreiber an der Systemstabilisierung teilnehmen, die sehr viel l\u00e4ngere Vorlaufzeiten haben, aus technischen Gr\u00fcnden, aus Prozessgr\u00fcnden, vielleicht ist es ein Industriebetrieb, der kann zwar mit drei Stunden Vorlauf die Aluschmelze um 5% einsenken, aber nicht innerhalb von 5 Minuten aus welchen Gr\u00fcnden auch immer und diese Unternehmen k\u00f6nnen dann auf solche Intradaypreisspr\u00fcnge reagieren.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten, der Markt absorbiert und verarbeitet den kontinuierlichen Zufluss an Informationen kontinuierlich in einem Preissignal und erm\u00f6glicht damit den jeweils optimalen Einsatz von Anlagen. Also mit f\u00fcnf Stunden Vorlauf kann ich Anlagen einsetzen, die f\u00fcnf Stunden brauchen, um zu starten. Wenn die Information halt erst zwei Stunden vor Lieferung bekannt wird, weil die Wettermodelle erst dann eine Ver\u00e4nderung der meteorologischen Lage sehen, dann sind immer noch die Anlagen verf\u00fcgbar, die zwei Stunden Rampen oder Startzeiten haben. Und das ist, glaube ich, das ist vielleicht der grundlegendste Vorteil von dem Intraday-Markt gegen\u00fcber einer Regelleistung, die ja aus sehr guten Gr\u00fcnden schnell sein muss und auch nur schnell sein darf.<\/p>\n<h2 id=\"t-1701866108106\">Wie ist die europ\u00e4ische Perspektive bei der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/h2>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Du hast es auch schon eingangs oder im ersten Drittel angesprochen: Die European Balancing Guideline erlaubt das sogenannte \u201eMitregeln\u201c explizit oder f\u00f6rdert es sogar und reizt es sogar an. Aber wie sieht es denn mit der Praxis aus in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern? Das habt ihr auch mit einem Blick in eurer Studie betrachtet.<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Wir haben uns sechs gr\u00f6\u00dfere L\u00e4nder oder Nachbarl\u00e4nder Deutschlands angeschaut, n\u00e4mlich Belgien, Holland, UK, Frankreich, \u00d6sterreich und D\u00e4nemark. Wir haben untersucht, ob es rechtlich und vertraglich erlaubt ist, systemst\u00fctzend zu optimieren, ob es ein Preisregime gibt, das dem widerspricht oder unterst\u00fctzt. Ein entscheidender Punkt ist, ob die Netzbetreiber durch zeitnahe Bereitstellung der notwendigen Daten die aktive Reaktion auf den Preis f\u00f6rdern. In diesen L\u00e4ndern wird das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement insgesamt positiver begleitet und unterst\u00fctzt. Deutschland ist im Vergleich dazu auf der restriktiven Seite, sowohl rechtlich als auch in Bezug auf die Datenverf\u00fcgbarkeit.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu einer wichtigen Frage. Wie erfahre ich in Deutschland, ob ich durch das \u00dcberschreiten meines Bilanzkreises in einer bestimmten Viertelstunde Geld verdienen oder Strafen zahlen werde?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Um das zu wissen, br\u00e4uchte ich die physikalische Systembilanz, um abzusch\u00e4tzen, ob das System knapp ist oder nicht. Diese Information fehlt in Deutschland in Echtzeit. Die Netzbetreiber stellen sie nicht zur Verf\u00fcgung. In anderen L\u00e4ndern gibt es solche Informationen bereits zeitnah. In Deutschland muss man sich auf die sogenannte Netzampel verlassen, die mit Verz\u00f6gerung und aggregiert ver\u00f6ffentlicht wird. Es gibt viele andere Datenquellen, aber die genaue Information fehlt. Zudem besteht das Problem, dass Informationen \u00fcber Regelleistungsabrufe kurz nach deren Ver\u00f6ffentlichung Preisspr\u00fcnge am Markt zeigen. Das deutet darauf hin, dass Marktteilnehmer diese Informationen nutzen, was zu Bedenken hinsichtlich fairer Handelspraktiken f\u00fchrt.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte man deiner Meinung nach ein faires Spielfeld erreichen?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte es so handhaben wie in Gro\u00dfbritannien, wo alle Regelleistungsabrufe sofort ver\u00f6ffentlicht werden, um sicherzustellen, dass alle die gleichen Informationen haben. Oder noch besser die Systembilanz live ver\u00f6ffentlichen, um die Unsicherheit zu verringern. Doch dies ist problematisch f\u00fcr diejenigen, die nicht wollen, dass der Markt auf solche Informationen reagiert. Die Diskussion dar\u00fcber wird auch innerhalb der Netzbetreiber gef\u00fchrt, und die derzeitige L\u00f6sung in Deutschland ist eine eingeschr\u00e4nkte Ver\u00f6ffentlichung der Systembilanz \u00fcber die Netzampel.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Nach all diesen praxisnahen Diskussionen &#8211; wie siehst du das Thema in f\u00fcnf Jahren?<\/p>\n<p><em>Lion Hirth<\/em><\/p>\n<p>Ich sage seit 15 Jahren voraus, dass wir bald eine glatte Marktl\u00f6sung haben werden, \u00e4hnlich wie in Benelux oder Gro\u00dfbritannien. In den letzten f\u00fcnf Jahren ist dies jedoch nicht geschehen. Die Zukunft h\u00e4ngt davon ab, welche Richtungsentscheidung von den Akteuren getroffen wird, insbesondere den \u00dcbertragungsnetzbetreibern und der Bundesnetzagentur. Die Diskussion kann in verschiedene Richtungen gehen, und ich hoffe, dass <a href=\"https:\/\/neon.energy\/Neon-Systemst%C3%BCtzende-Bilanzkreis-Bewirtschaftung.pdf\" target=\"_blank\" style=\"outline: none;\">unsere Studie<\/a> dazu beitragen kann, die Diskussion zu versachlichen und L\u00f6sungswege zu finden, um die Vorteile zu nutzen und gleichzeitig Bedenken zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p>\n<p>Lieber Lion, vielen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein seit Jahren heftig diskutiertes Thema im deutschen Stromhandel ist die Frage nach der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung. Sollen Bilanzkreisverantwortliche &#8211; wie in vielen anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern &#8211; auch in Deutschland das System durch bewusste Ungleichgewichte in ihren Portfolios st\u00fctzen d\u00fcrfen oder nicht? 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Im folgenden findet ihr das transkript des webinars, <a href=\"https:\/\/youtu.be\/T0Ogl7LgxY0?si=sjOJ664j4ly6IsqQ\" target=\"_blank\" class=\"\" style=\"outline: none;\">dessen aufzeichnung ihr euch auch auf youtube ansehen k\u00f6nnt<\/a>. Das Folgende transkript ist f\u00fcr bessere lesbarkeit redaktionell bearbeitet.<\/blockquote><\/div><div class=\"tcb-clear\" data-css=\"tve-u-65706657d4a674\"><div class=\"thrv_wrapper tve-toc tve-elem-scroll tve-toc-expandable tcb-local-vars-root\" data-columns=\"1\" data-ct=\"toc-60672\" data-transition=\"slide\" data-headers=\"h2,h3,h4\" data-numbering=\"advanced\" data-highlight=\"section\" data-ct-name=\"Table of Contents 04\" data-heading-style=\"{&quot;0&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a696&quot;,&quot;1&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a6c4&quot;,&quot;2&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a6f8&quot;}\" style=\"\" data-css=\"tve-u-65706657d4a728\" data-bullet-style=\"{&quot;0&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a761&quot;,&quot;1&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a7a1&quot;,&quot;2&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a7d5&quot;}\" data-number-style=\"{&quot;0&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a805&quot;,&quot;1&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a840&quot;,&quot;2&quot;:&quot;tve-u-65706657d4a861&quot;}\" 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\"Mitregelns\" ab?<\/a><\/div><div class=\"thrv_wrapper tve-toc-heading tve-toc-heading-level0 tve_no_icons\" data-tag=\"H2\" data-css=\"tve-u-65706657d4a696\" data-element-name=\"Heading Level 1\"><div class=\"thrv_wrapper tve-toc-number tve-toc-number0 tve_no_icons tve-jump-scroll\" data-target=\"#t-1701866108104\" jump-animation=\"smooth\" data-element-name=\"Number Level 1\" data-level=\"0\" data-css=\"tve-u-65706657d4a805\"><span class=\"tve-toc-disabled\">4<\/span><\/div><a href=\"#t-1701866108104\" class=\"tve-toc-anchor tve-jump-scroll\" jump-animation=\"smooth\">Was sind die volkswirtschaftlichen Effekte des systemst\u00fctzenden Bilanzkreismanagements?<\/a><\/div><div class=\"thrv_wrapper tve-toc-heading tve-toc-heading-level0 tve_no_icons\" data-tag=\"H2\" data-css=\"tve-u-65706657d4a696\" data-element-name=\"Heading Level 1\"><div class=\"thrv_wrapper tve-toc-number tve-toc-number0 tve_no_icons tve-jump-scroll\" data-target=\"#t-1701866108105\" jump-animation=\"smooth\" data-element-name=\"Number Level 1\" data-level=\"0\" data-css=\"tve-u-65706657d4a805\"><span class=\"tve-toc-disabled\">5<\/span><\/div><a href=\"#t-1701866108105\" class=\"tve-toc-anchor tve-jump-scroll\" jump-animation=\"smooth\">Welche Auswirkungen hat das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement auf die ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie?<\/a><\/div><div class=\"thrv_wrapper tve-toc-heading tve-toc-heading-level0 tve_no_icons\" data-tag=\"H2\" data-css=\"tve-u-65706657d4a696\" data-element-name=\"Heading Level 1\"><div class=\"thrv_wrapper tve-toc-number tve-toc-number0 tve_no_icons tve-jump-scroll\" data-target=\"#t-1701866108106\" jump-animation=\"smooth\" data-element-name=\"Number Level 1\" data-level=\"0\" data-css=\"tve-u-65706657d4a805\"><span class=\"tve-toc-disabled\">6<\/span><\/div><a href=\"#t-1701866108106\" class=\"tve-toc-anchor tve-jump-scroll\" jump-animation=\"smooth\">Wie ist die europ\u00e4ische Perspektive bei der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/a><\/div><\/div><div class=\"thrv_wrapper thrv-divider tve-vert-divider\" data-style=\"tve_sep-1\" data-color-d=\"rgba(0, 0, 0, 0.24)\" data-css=\"tve-u-65706657d4a8a6\" data-style-d=\"tve_sep-3\" data-thickness-d=\"6\"><hr class=\"tve_sep tve_sep-3\" style=\"\"><\/div><\/div>\n\t\t\t<\/div>\n\t\t<\/div>\n\t<\/div>\n<\/div><\/div><div class=\"thrv_wrapper thrv_text_element\" data-css=\"tve-u-65706657d4ab12\"><h2 class=\"\" id=\"t-1691495644226\"><strong>Was ist die systemst\u00fctzende Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/strong><\/h2><p><br><em>Jan Aengenvoort<br><\/em><br>Hallo Lion, <a href=\"https:\/\/neon.energy\/\" target=\"_blank\" class=\"\" style=\"outline: none;\">NEON Neue Energie\u00f6konomik<\/a> hat vor kurzem eine Studie zum Stromhandel in Deutschland ver\u00f6ffentlicht. Kannst du uns kurz dar\u00fcber berichten? Was war das Hauptthema der Studie?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Nat\u00fcrlich, und guten Morgen aus Berlin. Unsere Studie, die wir im Auftrag mehrerer Unternehmen durchgef\u00fchrt haben, befasste sich mit dem langj\u00e4hrig diskutierten Thema des Bilanzkreismanagements. Schon 2003, als ich bei Vattenfall arbeitete, begann ich damit und habe seitdem mehrere Projekte und Artikel dazu verfasst. Im Fokus stand die Frage, worauf Bilanzkreisverantwortliche in ihrem Portfolio-Management, im kurzfristigen Anlagen-Dispatch und im Intraday-Handel achten sollten.<\/p><p>Genauer gesagt, ging es um die Entscheidung, ob sie ausschlie\u00dflich auf ihren eigenen Bilanzkreis schauen sollten, um ihn m\u00f6glichst ausgewogen zu halten (physisches Bilanzkreismanagement), oder ob sie auch das Gesamtsystem im Blick haben sollten, insbesondere den Ausgleichsenergiepreis, der die Knappheit im System in Echtzeit beschreibt. Sollten sie versuchen, nicht nur auf eine Null im eigenen Bilanzkreis abzuzielen, sondern auch das System insgesamt zu stabilisieren, indem sie beispielsweise ihren Bilanzkreis leicht \u00fcberdecken, wenn das System knapp an Energie ist?<\/p><\/div><div class=\"thrv_wrapper thrv_custom_html_shortcode\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"950\" height=\"534\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/T0Ogl7LgxY0\" title=\"FlexPower Webinar I  - Systemst\u00fctzendes Bilanzieren\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" allowfullscreen=\"\"><\/iframe><div class=\"tve_iframe_cover\"><\/div><\/div><div class=\"thrv_wrapper thrv_text_element\" data-css=\"tve-u-65706657d4ab12\"><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Das klingt zun\u00e4chst kompliziert f\u00fcr Nicht-Experten im Bilanzkreismanagement. Lass uns tiefer in deinen letzten Satz eintauchen. Wenn das System, wie du gerade erkl\u00e4rt hast, unterversorgt ist, kaufen sie zus\u00e4tzlichen Strom ein, oder? Kannst du das anhand eines konkreten Beispiels erkl\u00e4ren? Welche Auswirkungen h\u00e4tte das, und was passiert mit dem gekauften Strom, den der Bilanzkreisverantwortliche m\u00f6glicherweise nicht ben\u00f6tigt, und wie sieht es auf der Verk\u00e4uferseite aus?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Ich schaue hier aus dem Fenster und sehe Reuter West, das Kohlekraftwerk in West-Berlin rauchen. Stell dir vor, ich bin der Eigent\u00fcmer und Betreiber dieses Kraftwerksparks in Berlin. Ich habe geplant, in dieser Stunde 500 MW Strom zu erzeugen und davon ein Viertel als MWh in der Viertelstunde zu verkaufen. Ich betreibe also meine Anlagen mit 500 MW.<\/p><p>Wenn alles wie geplant l\u00e4uft, ist mein Bilanzkreis ausgeglichen, und ich bekomme oder zahle keinen Ausgleichsenergiepreis. Die Stromvermarktung erfolgt ausschlie\u00dflich im Gro\u00dfhandel. Wenn ich jedoch auf die Systembilanz oder den Ausgleichsenergiepreis schaue und feststelle, dass es in Deutschland einen erheblichen Mangel an Strom gibt (zum Beispiel aufgrund unerwartet weniger Solarerzeugung oder eines ausgefallenen Kraftwerks), kann ich reagieren.<br><br>Warum sollte ich das tun? Weil sich dieser Mangel im Ausgleichsenergiepreis widerspiegeln wird. Das bedeutet, dass der Preis f\u00fcr die Bilanzkreisabweichungen h\u00f6her sein wird als erwartet oder h\u00f6her als der Spotpreis von gestern f\u00fcr diese Stunde. In diesem Fall k\u00f6nnte ich eine zus\u00e4tzliche Anlage hochfahren, um mehr Strom zu produzieren, als ich verkauft habe. Das f\u00fchrt zu einem \u00dcberschuss in der Bilanzkreisabrechnung, der finanziell durch den h\u00f6heren Ausgleichsenergiepreis ausgeglichen wird.<br><br>Aber was passiert mit dem \u00fcbersch\u00fcssigen Strom physikalisch im Netz? Wenn das Netz zuvor knapp an Energie war, habe ich durch mein Handeln dazu beigetragen, das System zu stabilisieren und in Richtung eines ausgeglicheneren Systems zu lenken. Das bedeutet weniger Frequenzabweichungen, weniger aktivierte Regelleistung durch Netzbetreiber und weniger ungeplante Fl\u00fcsse \u00fcber die deutschen Interkonnektoren aus dem Ausland. Das verbessert den Betrieb des Stromsystems und macht ihn stabiler, einfacher und sicherer.<\/p><h2 class=\"\" id=\"t-1701866108102\"><strong>Was sind die Risiken der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/strong><\/h2><p><br><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Das klingt f\u00fcr mich als Nicht-Stromh\u00e4ndler zun\u00e4chst positiv. Aber warum ist dieses Thema so umstritten? Es m\u00fcssen doch auch Risiken damit verbunden sein.<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Es gibt im Grunde zwei Philosophien: der physische Ausgleich des Bilanzkreises gegen\u00fcber dem systemorientierten Bilanzkreisausgleich. Man kann es auch als \u00f6konomischen versus elektrotechnischen Blick betrachten. \u00d6konomisch gesehen, und ich bin \u00d6konom, ist dies im Grunde genommen einfach. Bei korrekten Preisen und einem robusten System werden Unternehmen auf Preis\u00e4nderungen reagieren. Bei einem Mangel an Energie wird mehr produziert, und bei einem \u00dcberschuss wird weniger produziert. Das ist sinnvoll und unterst\u00fctzt das System.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Und mit Preis meinst du in diesem Fall den Ausgleichsenergiepreis?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Genau. Immer wenn ich ohne Qualifizierung Preis sage, dann meine ich in der heutigen Session den Ausgleichsenergiepreis, also den Preis, mit dem Bilanzkreisabweichungen am Ende finanziell glattgestellt, also gesettlet, werden.<\/p><p>Jetzt gibt es aber noch einen anderen Blick darauf. Und das ist vielleicht einer, der jetzt eher f\u00fcr die Kolleginnen und Kollegen in der Systembetriebsf\u00fchrung nat\u00fcrlich ist. Da gibt es ein bisschen die Perspektive, dass man sagt, Markt sch\u00f6n und gut, aber irgendwann muss auch mal Schluss sein und dann \u00fcbernehmen wir. Also wir erlauben Handel bis, wei\u00df ich nicht, f\u00fcnf Minuten vor Gate Closure. Aber zu dem Zeitpunkt wollen wir, dass alle Bilanzkreise f\u00fcr sich genommen ausgeglichen sind und dass da niemand mit rumwurschtelt im System, sondern ab dem Moment gilt die Regelleistung, gilt die Hoheit der Systembetriebsf\u00fchrung und da wollen die UNB in den Dispatch-Centern wissen, was passiert und die Regler selber bet\u00e4tigen und sich auf den Minutenreserve- und den SRL-Regler verlassen.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Ist es denn denkbar, jetzt mal dieser zweiten Denkweise folgend, dass H\u00e4ndler durch diesen Ausgleichsenergiemechanismus das System sozusagen systematisch destabilisieren? Das w\u00e4re ja das Worst-Case-Szenario, was vorstellbar w\u00e4re.<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Ganz genau und das ist auch gar nicht so eine theoretische Denke, weil wir 2019 im Juni tats\u00e4chlich drei Situationen hatten, die waren jetzt noch nicht Worst-Case, aber ich w\u00fcrde sagen, die waren schon knapp am Eisberg vorbeigeschrammt. Das h\u00e4tte auch aus meiner Einsch\u00e4tzung schief gehen k\u00f6nnen. An der Situation kann man, glaube ich, ganz gut diskutieren, welche Gefahren in dem System sind. Eine Gefahr ist im System, wenn Informationen, die ver\u00f6ffentlicht werden, auf denen die Marktteilnehmer, die Bilanzkreisverantwortlichen, die Trader reagieren, wenn diese Informationen falsch oder irref\u00fchrend sind.<\/p><p>Zum Beispiel, 12. Juni 2019, in der Situation, die dann ziemlich kritisch wurde, war eine massive Unterdeckung. Wir hatten in der Spitze bis zu 10 Gigawatt Unterdeckung der Bilanzkreise. 10 Gigawatt ist wirklich sehr, sehr viel, und die (f\u00e4lschlich) ver\u00f6ffentlichten Werte der Netzbetreiber sahen ganz entspannt aus und deuteten auf ein viel weniger unausgeglichenes System und zum Teil sogar auf ein System im Gleichgewicht hin. Das war ein IT-Fehler irgendwo im System. Wenn man Reaktionen des Marktes auf Informationen will und braucht und diese Informationen falsch sind, ist relativ naheliegend, dass auch die Reaktionen in die ungew\u00fcnschte Richtung f\u00fchrt und in dem Fall jetzt noch nicht ins Verderben, aber dann doch in eine ziemlich kritische Situation gef\u00fchrt haben.<\/p><p>Das hei\u00dft, im Umkehrschluss, man muss hier nat\u00fcrlich wirklich an Robustheit, IT-Sicherheit, und Redundanzen von Datenver\u00f6ffentlichung denken. So wie wir das ja auch in anderen Systemen haben, also der SRL-Abruf oder allgemein die Regelleistungsaktivierung, die muss ja auch hohen IT-Anforderungen gen\u00fcgen und zumindest in der Richtung sollte das auch f\u00fcr die systemrelevanten Echtzeitdaten gelten.<br><br>Und der zweite Punkt ist, wenn zwar die Informationen richtig sind, aber die Anreize falsch sind, dann werden wir auch eine falsche Reaktion bekommen. Der Ausgleichsenergiepreis unterliegt einer \u00e4u\u00dferst komplexen Preisformel. Ich glaube, in der aktuellen Variante erstreckt sich diese Formel \u00fcber 15 Seiten Dokument. Und die war fr\u00fcher auch schon mal nicht so gut. Und wenn die Preisformel nicht so gut ist, dann kann es Situationen geben, wo ich finanziell in einer Knappheitssituation nicht daf\u00fcr belohnt werde, selber mehr einzuspeisen, das System, also zu \u00fcberdecken, das Richtige zu machen, sondern das Gegenteil: Ich werde finanziell daf\u00fcr belohnt, das System zu destabilisieren, weil der Ausgleichsenergiepreis relativ niedrig ist. Relativ niedrig hei\u00dft immer im Vergleich zum aktuellen Intraday. Der war zum Beispiel im Juni 2019 schon bei ein paar 100 Euro, also schon relativ hoch. Aber wenn der Intradaypreis in dem Moment eher bei 1000 Euro ist, dann sind 400 Euro tats\u00e4chlich ziemlich wenig und in so einer Situation setzt der Preis den falschen Anreiz.<\/p><p>Das hei\u00dft, wir brauchen ein System, das in zweierlei Hinsicht robust ist. Erstens hinsichtlich der <em>Information<\/em>, inklusive IT-Fragen, und zweitens hinsichtlich der Preisformel der <em>Anreizsystematik<\/em>.<br><br>Und letzter Satz hierzu, weil ich jetzt so viel von vor vier Jahren gesprochen habe, nach 2019 ist da sehr viel passiert und nach meiner Einsch\u00e4tzung haben wir dann eine Preisformel f\u00fcr den Ausgleichsenergiepreis, die \u00e4u\u00dferst robust ist. Das zeigen auch unsere qualitativen Analysen. Die (Preisformel) zeigt quasi immer in die richtige Richtung und das kann man sowohl empirisch sagen, aber auch analytisch durchdenken.<\/p><h2 class=\"\" id=\"t-1701866108103\">Wie l\u00e4uft die Praxis des \"Mitregelns\" ab?<\/h2><p><br><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Okay, nochmal zu der Studie, die du ja gerade selber angesprochen hast. Da beschreibt ihr, dass diese systemst\u00fctzende Bilanzkreisbewirtschaftung oder \u201eMitregeln\u201c, wie das auch manchmal etwas salopper genannt wird, heute ja bereits in Deutschland auch praktiziert wird - obwohl die Rechtslage unklar ist. Wie kommt ihr darauf? Wie habt ihr das herausgefunden?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Vielleicht sage ich nochmal zwei S\u00e4tze zur Rechtslage und dann zu unserer Studie und zu deiner Frage, auch wenn das ein kleiner Umweg ist. Die Rechtslage ist so, dass es eine europarechtliche Regelung gibt, die aus der <a href=\"https:\/\/www.entsoe.eu\/network_codes\/eb\/\" target=\"_blank\" class=\"\" style=\"outline: none;\">European Balancing Guideline<\/a> kommt und die sagt, ich paraphrasiere mal kurz, dass man entweder den eigenen Bilanzkreis auf Null stellen und sozusagen als Zielfunktion haben kann oder das man das System im Blick haben kann. Das ist eine Verordnung, das hei\u00dft, die ist unmittelbar wirksam und da gibt es die Rechtsauffassung, dass das jeder Markteilnehmer f\u00fcr sich entscheiden kann, dass man entweder das eine oder das andere machen kann. Damit w\u00e4re das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement problemlos m\u00f6glich. Und die andere Rechtsauffassung ist, dass die UNB oder ein deutsche Akteur, wie die BNetzA, das entscheiden darf und dann m\u00fcssen sich alle deutsche Firmen dran halten. Ich bin kein Jurist, ich kann das nicht entscheiden, aber BNetzA und Netzbetreiber haben gemeinsam den Bilanzkreisvertrag aufgesetzt und da gibt es eine Regelung dazu, da steht dann doch relativ eindeutig, Bilanzkreisverantwortliche m\u00fcssen jetzt nicht alles M\u00f6gliche, alles Menschenm\u00f6gliche tun, aber im Rahmen des sinnvoll Machbaren den eigenen Bilanzkreis auf Null zur\u00fcckf\u00fchren. Also da ist das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement nicht vorgesehen. Das ist kein Gesetz, aber es ist halt ein Vertrag, den alle Marktakteure in Deutschland unterschreiben.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Was ich mich schon immer gefragt habe, ist, wenn das so ist, und das ist ja legitim, warum gibt es dann diesen Ausgleichsenergiemechanismus, mit dem ich sogar Geld verdienen kann? Also warum dann diesen finanziellen Anreiz setzen?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Das ist eine legitime Frage.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Oder lass es mich noch anders formulieren: Hat dieser Ausgleichsenergiemechanismus oder dieser Preismechanismus, dieser Preisanreiz, noch eine andere Funktion als die, die potenziell nicht erlaubt ist?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Ich w\u00fcrde sagen, nicht wirklich. Also man kann nat\u00fcrlich sagen, das ist, wie wir es im politischen Berlin immer sagen, der Hosentr\u00e4ger zum G\u00fcrtel. Also wir verbieten was und zur Sicherheit machen wir noch einen Preisanreiz dr\u00fcber, dass die Unternehmen, die zum Beispiel schlechtes Bilanzkreismanagement machen oder in die falsche Richtung die Systembilanz versch\u00e4rfen, verschlechtern, verschlimmern, dass die nicht nur, sagen wir mal, das juristische Schwert \u00fcber sich sp\u00fcren, sondern auch das finanzielle, so kann man das sehen. Als \u00d6konom w\u00fcrde ich schon sagen, entweder man denkt in Anreizen oder man denkt in Verboten. Das sind zwei unterschiedliche Welten. Und ich sehe da schon so ein bisschen ein Fragezeichen.<\/p><p>Und so ist auch die gelebte Praxis: Wir haben schon vor Jahren, vor zwei, drei Jahren eine wissenschaftliche Studie ver\u00f6ffentlicht, wo wir mit einem aufw\u00e4ndigen, statistischen Verfahren, f\u00fcr die Connaisseure, mit Instrumentalvariablen zur Sch\u00e4tzung der Nachfragekurve zeigen, dass der Markt auf den Ausgleichsenergiepreis reagiert. In diesem Verfahren verwenden wir nur \u00f6ffentliche Daten f\u00fcr diese Studien, denn wir haben nie Daten von Bilanzkreisverantwortlichen bekommen, sondern immer nur die Daten von ENTSO-E Transparency und Netztransparenz etc. genommen, und an den Daten kann man sehen, wenn man richtig statistisch draufschaut, dass der Markt auf Ausgleichsenergiepreise reagiert. Und auf den Preis reagieren hei\u00dft ja genau nichts anderes als systemdienliches Bilanzkreismanagement. Ich w\u00fcrde sagen, das ist statistisch etabliertes Wissen schon seit einigen Jahren.<\/p><h2 class=\"\" id=\"t-1701866108104\">Was sind die volkswirtschaftlichen Effekte des systemst\u00fctzenden Bilanzkreismanagements?<\/h2><p><br><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Gut, wir gehen jetzt mal von dem Kleinklein des Stromh\u00e4ndleralltags weg und fragen uns, was sind die volkswirtschaftlichen Effekte von dieser anscheinend tats\u00e4chlich stattfindenden systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung? Was hat das Ganze f\u00fcr einen Effekt, wenn man nochmal einen Schritt zur\u00fccktritt?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Der unmittelbare Effekt ist nat\u00fcrlich, dass insgesamt das Ungleichgewicht im System geringer ausf\u00e4llt. Also jetzt im Beispiel vorher statt 1.000 MW Knappheit haben wir dann nur noch 900 MW Knappheit, wenn ich mit meinem Kraftwerk Reuter West 100 MW mehr Strom produziere, als ich vermarktet hatte. Und das hei\u00dft, Netzbetreiber m\u00fcssen dann 100 MW weniger <a href=\"\/de\/school-of-flex\/regelenergie\/\">Regelenergie<\/a> aktivieren. Prim\u00e4rregelleistung w\u00fcrde ja ohnehin nicht aktiviert werden, aber Sekund\u00e4r- und Minutenreserve, aFRR und mFRR, w\u00fcrden aktiviert, um solche Ungleichgewichte zur\u00fcckzufahren. Und wenn das Ungleichgewicht kleiner ist, muss man weniger aktivieren und dann muss man daf\u00fcr weniger Geld zahlen. Es ist also eine Kostensenkung. Diese Kostensenkungen werden auch wiederum \u00fcber den Ausgleichsenergiepreis umgelegt auf alle Marktakteure. Das hei\u00dft, davon profitieren am Ende alle Marktakteure, insbesondere die, die weil sie klein sind oder weil sie vielleicht jetzt beschr\u00e4nkte Ressourcen haben, selber auf der falschen Seite lagen; also die Systembilanz versch\u00e4rft haben, verschlimmert haben. Das sind vielleicht Stadtwerke, Verteilnetzbetreiber, kleine EE-Vermarkte oder Industriebetriebe. Die profitieren dann von geringeren Ausgleichsenergiekosten.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>\u2026 weil der Ausgleichsenergiepreis die Umlage der Abrufkosten der Regelenergie ist. Deswegen senkt das die Kosten\u2026<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Genau, die gehen zumindest mit ein. Das war fr\u00fcher enger einander gekoppelt. Das ist inzwischen aus guten Gr\u00fcnden nicht mehr so eng aneinandergekoppelt. Aber im Grunde ist es schon so, wenn insgesamt die Netzbetreiber deutlich h\u00f6here Kosten f\u00fcr Regelenergieabrufe haben, dann steigen auch die Kosten f\u00fcr Ausgleichsenergie und andersrum. Und das betrifft uns alle. Also wir selber sind jetzt zwar alle keine Bilanzkreisverantwortlichen, also zu Hause meine ich, im privaten Leben, aber wir zahlen nat\u00fcrlich mit \u00fcber die Verteilnetzentgelte, weil unsere Verteilnetzbetreiber f\u00fcr uns besser oder schlechter den Ausgleich \u00fcber Differenzbilanzkreise machen, die sich aus unseren Standardlastprofilen ergeben. Und wenn da die Kosten sinken, dann profitieren wir auch alle privat durch geringere Verteilnetzentgelte.<\/p><h2 class=\"\" id=\"t-1701866108105\">Welche Auswirkungen hat das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement auf die ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie?<\/h2><p><br><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Was hat das denn f\u00fcr eine Auswirkung mittelbar dann auch auf die ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie? Wir haben jetzt \u00fcber die aktivierten Mengen an Regelenergie gesprochen, aber was ist mit den ausgeschriebenen Mengen an Regelenergie?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Ich w\u00fcrde sagen, da ist der Zusammenhang vielleicht nicht so unmittelbar und eindeutig, sondern den kann man ein bisschen qualifizieren. Das h\u00e4ngt davon ab, wie die \u00dcbertragungssetzbetreiber die Menge definieren, die ausgeschrieben wird. Eine M\u00f6glichkeit w\u00e4re zu sagen, wir finden dieses systemst\u00fctzende Bilanzieren gut, aber wir wollen dem nicht vertrauen und in der letzten Instanz wollen wir immer genug Leistung haben, also wir behalten die gleiche Leistung wie bisher. Dann w\u00e4re es keine Verschlechterung, aber auch keine Verbesserung aus Kostensicht, denn man w\u00fcrde einfach genau gleich viel Leistung ausschreiben. Oder man macht das, was die Netzbetreiber heute nach meinem Verst\u00e4ndnis machen, so ganz genau wei\u00df ich es nicht. Sie schauen sich im Grunde an, im Laufe des letzten Jahres, an \u00e4hnlichen Jahreszeiten und Wochentagen, wie viel Regelleistung wurde da tats\u00e4chlich aktiviert und legen dann eine Verteilungsfunktion dr\u00fcber und dimensionieren so die Regelleistung und wenn man das durchf\u00fchrt und insgesamt wird weniger aktiviert, auch am Rande der Verteilung, da wo viel Aktivierung notwendig war, wo man an die Grenzen der Vorhaltung kam, wenn auch da die Situation sich verbessert durch gutes Verhalten der Bilanzkreisverantwortlichen, was zu erwarten ist, dann w\u00fcrde auch weniger Regelleistung ben\u00f6tigt, weniger Regelleistung ausgeschrieben und damit auch geringere Kosten weitergegeben, die sich auch \u00fcbrigens wieder in den Netzentgelten finden, die wir auch alle mit bezahlen.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Das hast du jetzt im Konjunktiv formuliert, da wei\u00df ich ja noch, dass die ausgeschriebenen Mengen der Regelenergie ja sukzessive in den letzten 10, 12, 13 Jahren teilweise ja sogar massiv gesunken sind. Also siehst du da einen direkten Zusammenhang oder hat das andere Gr\u00fcnde, warum die ausgeschriebenen Mengen tats\u00e4chlich gesunken sind in Deutschland?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Ich w\u00fcrde das \u201eteilweise\u201c streichen und daf\u00fcr das \u201emassiv\u201c unterstreichen. Also ein Bild, was ich im Kopf habe, das nenne ich immer das <strong>deutsche Regelparadox<\/strong>, ist der Vergleich der erneuerbaren Energien und der Regelleistung, die in Deutschland ausgeschrieben wurde, sagen wir mal \u00fcber die letzten 15 Jahre.<\/p><p>In den letzten 15 Jahren, ich habe hier gerade nochmal die Zahlen vor mir, haben wir die installierte Leistung von Wind und Solar, das sind ja die Technologien, von denen man plausiblerweise besorgt ist, dass sie die Regelleistungsbedarfe aufgrund wetterbedingter Unsicherheiten erh\u00f6hen, in dieser Zeit haben wir die installierte Leistung <strong>verf\u00fcnffacht<\/strong>. Ein massiver Zuwachs von \u00fcber 20 GW auf ungef\u00e4hr 130 GW Anfang letzten Jahres. In der Zeit h\u00e4tte man jetzt ex ante gedacht und das ist jetzt kein Konjunktiv, denn wir haben sogar eine Studie ver\u00f6ffentlicht vor \u00fcber zehn Jahren, wo wir gesagt haben, hey, passt auf, das ist ganz sch\u00f6n gef\u00e4hrlich, wir brauchen sicher viel mehr Regelleistung und mehr Regelleistung bedeutet h\u00f6here Kosten, mehr Must-Run, lauter Probleme, ein echtes Problem f\u00fcr die Energiewende. Pustekuchen, die n\u00f6tige Regelleistung bei der Verf\u00fcnffachung von Wind und Solar in Deutschland ist <strong>um die H\u00e4lfte gesunken<\/strong>. Das ist verr\u00fcckt und wenn man das Ingenieuren zeigt auf internationalen Konferenzen, ich habe das wirklich dutzendfach gemacht, dann sieht man da offene M\u00fcnder und das ist einfach nicht das, was ein vern\u00fcnftiger Elektrotechniker oder Energiesystemtechniker erwarten w\u00fcrde, weil man erwarten w\u00fcrde, mehr Wind, mehr Schwankungen, bedeutet viel mehr Regelleistung.<\/p><p>Aber du hast ja spezifisch gefragt, ist das mit der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbwirtschaftung zu erkl\u00e4ren und da muss ich als Wissenschaftler sagen, ist es schwierig einen echt wasserfesten \u201eSmoking-Gun\u201c kausalen Nachweis zu f\u00fchren. Aber man kann nat\u00fcrlich mal \u00fcberlegen, was ist den letzten 15 Jahren an Verbesserungen so passiert ist. Und da ist nat\u00fcrlich einiges passiert bei den Netzbetreibern: der Netzregelverbund wurde eingef\u00fchrt, die internationale Kooperation SRR, Imbalance Netting wurde eingef\u00fchrt, jetzt vor kurzem auch ein bisschen anderes Thema, aber im Rahmen der Verbesserungen, sind Mari and Picasso, die internationalen Aktivierungsplattformen, eingef\u00fchrt worden. Alles richtig, aber es ist nat\u00fcrlich am Markt auch viel passiert. Der Viertelstundenhandel wurde eingef\u00fchrt, insgesamt ein massiver Anwuchs des Intradayvolumens und insgesamt auch eine viel bessere Prognostik, Datenanalyse und Portfolio-Management bei den BKV (Bilanzkreisverantwortlichen). Und warum ist es so? Nat\u00fcrlich auch, weil die Preisanreize wirken. Das hei\u00dft ich bin tats\u00e4chlich \u00fcberzeugt, dass der Treiber hinter diesen Verbesserungen am Markt und bei den Vermarktern ganz wesentlich getrieben wurde und wird durch die finanziellen Anreize. Und die Anreize im positiven wie im negativen Sinne. Also im negativen, dass man sich eine blutige Nase holt, wenn man in die falsche Richtung unausgeglichen ist und das will man vermeiden, aber schon auch im positiven Sinne, dass es sich finanziell lohnt, sich auf die richtige Seite zu setzen und dass das dazu f\u00fchrt, dass Firmen nicht nur ein Interesse haben, ihr eigenes Portfolio zu prognostizieren, sondern den Markt insgesamt zu prognostizieren und dadurch massive Verbesserungen, Fortschritte bei der Prognosequalit\u00e4t insgesamt, angetrieben wurden.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Okay, wenn wir den Gedanken weiterf\u00fchren, folgt nat\u00fcrlich f\u00fcr mich die Frage, was denkst du, was w\u00fcrde geschehen, wenn dann von heute auf morgen alle Bilanzkreisverantwortlichen, die sich heute, wie du gesagt hast, \u201eauf die richtige Seite stellen\u201c, jetzt nur noch ihren eigenen Bilanzkreis glattstellen und keinen Blick mehr auf das Regelzonensaldo werfen w\u00fcrden? Was w\u00fcrde in deinen Augen geschehen?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Also ich glaube, eine konkrete Zahl daran zu setzen, das w\u00e4re unseri\u00f6s, aber ich bin \u00fcberzeugt, dass, wenn das \u00fcber Nacht passieren w\u00fcrde, ab morgen macht das niemand mehr, dass dann sofort ein massiv h\u00f6herer Abruf an Regeleistung erfolgt, der sich auch in einem Sprung der Leistungsvorhaltung widerspiegeln muss, relativ kurzfristig. Ob das jetzt ein, zwei, drei Gigawatt sind, glaube ich, kann niemand oder kann ich zumindest auf Basis \u00f6ffentlicher Daten nicht seri\u00f6s sagen. Mein Gef\u00fchl ist, es ist ganz sch\u00f6n viel. Also mein Gef\u00fchl w\u00e4re eigentlich, mit den heutigen Mengen an Regelleistung h\u00e4tte man sehr schnell ein sehr massives operatives Problem, wenn man den Markt \u00fcber Nacht zwingen w\u00fcrde oder wenn der Markt \u00fcber Nacht sozusagen sein systemst\u00fctzendes Verhalten einstellen w\u00fcrde.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Was ja auch ein weiterer Gedanke ist, wenn wir an die Regelenergie denken, und du hast das ja eingangs auch erw\u00e4hnt, die hat den gro\u00dfen Vorteil, sie ist komplett von einer zentralen Instanz kontrollierbar, sie ist einsetzbar, sie ist komplett beherrschbar, sie ist dimensionierbar. Sie hat aber nat\u00fcrlich eine viel k\u00fcrzere Vorlauffrist bei der Aktivierung. Wenn ich jetzt davon ausgehe, wie du in deiner Studie herausgefunden hast, dass heute schon manche Marktakteure vor dem Einsatz von Regelenergie durch die \u00dcbertragungsnetzbetreiber das System jetzt st\u00fctzen durch Zuk\u00e4ufe, Verk\u00e4ufe, was auch immer, dann haben sie mehr Zeit, ihre Kraftwerksparks zu dispatchen oder denke ich da zu kurz?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Nee, ganz genau. Vielleicht noch zwei S\u00e4tze zur Regelleistungsaktivierung und dann das von dir angeschnittene Thema.<\/p><p>Regelleistung ist aus guten Gr\u00fcnden sehr schnell. Die aFRR, die SRL, muss im Grunde innerhalb von f\u00fcnf Minuten \u00fcber eine Rampe aktiviert werden. Die Minutenreserve, die mFRR, ist ein Fahrplanprodukt und wird mit 7,5 Minuten Vorlauf, glaub ich, aktiviert vor der Viertelstunde. Das hei\u00dft, nat\u00fcrlich kommen f\u00fcr die Erbringung dieser Dienstleistung nur Anlagen in Frage, die das k\u00f6nnen. Also sowohl technisch, die die Rampen k\u00f6nnen, aber auch operativ, die das Einbinden der IT k\u00f6nnen und die auch in jeder Situation immer innerhalb dieser wenigen Minuten die volle Leistung liefern k\u00f6nnen.<\/p><p>Was passiert jetzt zum Beispiel in der Realit\u00e4t mit der Wind- und Solarerzeugung? Was wir ja haben, ist, dass Wind- und Solarerzeugung zwar auch auf der Zeitskala von wenigen Minuten noch ein St\u00fcck Unsicherheit mit sich bringt, aber dass wir im Laufe der Zeit, also sagen wir, jetzt ist es gleich halb 10, dass f\u00fcr die Lieferung 10 bis viertel nach 10 im Laufe des letzten Tages und bis vor wenigen Minuten die ganze Zeit neue Wetterprognosen reinkamen. Das hei\u00dft, im Minutentakt kommen von irgendwelchen Prognostikern neue Modelle. Diese Modelle haben alle Unsicherheiten, sind zum Teil Ensemble-Modelle, Bandbreiten sozusagen, und die Metriken f\u00fcr Prognoseunsicherheit verschieben sich im Laufe der Zeit und werden immer besser und immer enger, ohne ganz auf Null zur\u00fcckzugehen. Was jetzt passieren kann und was in der Praxis passiert ist, dass sich viele Firmen am Markt diese Prognosemodelle anschauen und sagen, aha, okay, f\u00fcr die Lieferung, sagen wir mal jetzt in drei Stunden um 13 Uhr haben wir gerade eine Verschlechterung der Prognose, also es gibt ein bisschen weniger Windstrom, als wir gerade eben noch dachten. Und was jetzt sofort passiert, ist, dass Unternehmen diese Information \u00fcber Kauforders auf dem Intraday-Markt umsetzen.<\/p><p>Das hei\u00dft, die sagen, wir wollen uns eher ein bisschen auf die sichere Seite setzen und ein bisschen mehr Strom haben als zu wenig, weil sich die Situation gerade eher verknappt hat. Die kaufen dann auf dem Intraday-Markt, treiben in dem Moment damit den Intraday-Preis nach oben und irgendwo anders in Deutschland oder im Ausland reagiert ein Kraftwerk, eine Batterie oder eine Flexibilit\u00e4t auf diesen h\u00f6heren Preis und produziert mehr Strom oder stellt mehr Strom zur Verf\u00fcgung. Und das passiert kontinuierlich jeden Moment, jetzt in meinem Beispiel drei Stunden vor Lieferung. Das hei\u00dft damit k\u00f6nnen auch alle Anlagen und alle Firmen und alle Betreiber an der Systemstabilisierung teilnehmen, die sehr viel l\u00e4ngere Vorlaufzeiten haben, aus technischen Gr\u00fcnden, aus Prozessgr\u00fcnden, vielleicht ist es ein Industriebetrieb, der kann zwar mit drei Stunden Vorlauf die Aluschmelze um 5% einsenken, aber nicht innerhalb von 5 Minuten aus welchen Gr\u00fcnden auch immer und diese Unternehmen k\u00f6nnen dann auf solche Intradaypreisspr\u00fcnge reagieren.<\/p><p>Mit anderen Worten, der Markt absorbiert und verarbeitet den kontinuierlichen Zufluss an Informationen kontinuierlich in einem Preissignal und erm\u00f6glicht damit den jeweils optimalen Einsatz von Anlagen. Also mit f\u00fcnf Stunden Vorlauf kann ich Anlagen einsetzen, die f\u00fcnf Stunden brauchen, um zu starten. Wenn die Information halt erst zwei Stunden vor Lieferung bekannt wird, weil die Wettermodelle erst dann eine Ver\u00e4nderung der meteorologischen Lage sehen, dann sind immer noch die Anlagen verf\u00fcgbar, die zwei Stunden Rampen oder Startzeiten haben. Und das ist, glaube ich, das ist vielleicht der grundlegendste Vorteil von dem Intraday-Markt gegen\u00fcber einer Regelleistung, die ja aus sehr guten Gr\u00fcnden schnell sein muss und auch nur schnell sein darf.<\/p><h2 class=\"\" id=\"t-1701866108106\">Wie ist die europ\u00e4ische Perspektive bei der systemst\u00fctzenden Bilanzkreisbewirtschaftung?<\/h2><p><br><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Du hast es auch schon eingangs oder im ersten Drittel angesprochen: Die European Balancing Guideline erlaubt das sogenannte \u201eMitregeln\u201c explizit oder f\u00f6rdert es sogar und reizt es sogar an. Aber wie sieht es denn mit der Praxis aus in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern? Das habt ihr auch mit einem Blick in eurer Studie betrachtet.<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Wir haben uns sechs gr\u00f6\u00dfere L\u00e4nder oder Nachbarl\u00e4nder Deutschlands angeschaut, n\u00e4mlich Belgien, Holland, UK, Frankreich, \u00d6sterreich und D\u00e4nemark. Wir haben untersucht, ob es rechtlich und vertraglich erlaubt ist, systemst\u00fctzend zu optimieren, ob es ein Preisregime gibt, das dem widerspricht oder unterst\u00fctzt. Ein entscheidender Punkt ist, ob die Netzbetreiber durch zeitnahe Bereitstellung der notwendigen Daten die aktive Reaktion auf den Preis f\u00f6rdern. In diesen L\u00e4ndern wird das systemst\u00fctzende Bilanzkreismanagement insgesamt positiver begleitet und unterst\u00fctzt. Deutschland ist im Vergleich dazu auf der restriktiven Seite, sowohl rechtlich als auch in Bezug auf die Datenverf\u00fcgbarkeit.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Das f\u00fchrt zu einer wichtigen Frage. Wie erfahre ich in Deutschland, ob ich durch das \u00dcberschreiten meines Bilanzkreises in einer bestimmten Viertelstunde Geld verdienen oder Strafen zahlen werde?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Um das zu wissen, br\u00e4uchte ich die physikalische Systembilanz, um abzusch\u00e4tzen, ob das System knapp ist oder nicht. Diese Information fehlt in Deutschland in Echtzeit. Die Netzbetreiber stellen sie nicht zur Verf\u00fcgung. In anderen L\u00e4ndern gibt es solche Informationen bereits zeitnah. In Deutschland muss man sich auf die sogenannte Netzampel verlassen, die mit Verz\u00f6gerung und aggregiert ver\u00f6ffentlicht wird. Es gibt viele andere Datenquellen, aber die genaue Information fehlt. Zudem besteht das Problem, dass Informationen \u00fcber Regelleistungsabrufe kurz nach deren Ver\u00f6ffentlichung Preisspr\u00fcnge am Markt zeigen. Das deutet darauf hin, dass Marktteilnehmer diese Informationen nutzen, was zu Bedenken hinsichtlich fairer Handelspraktiken f\u00fchrt.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Wie k\u00f6nnte man deiner Meinung nach ein faires Spielfeld erreichen?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Man k\u00f6nnte es so handhaben wie in Gro\u00dfbritannien, wo alle Regelleistungsabrufe sofort ver\u00f6ffentlicht werden, um sicherzustellen, dass alle die gleichen Informationen haben. Oder noch besser die Systembilanz live ver\u00f6ffentlichen, um die Unsicherheit zu verringern. Doch dies ist problematisch f\u00fcr diejenigen, die nicht wollen, dass der Markt auf solche Informationen reagiert. Die Diskussion dar\u00fcber wird auch innerhalb der Netzbetreiber gef\u00fchrt, und die derzeitige L\u00f6sung in Deutschland ist eine eingeschr\u00e4nkte Ver\u00f6ffentlichung der Systembilanz \u00fcber die Netzampel.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Nach all diesen praxisnahen Diskussionen - wie siehst du das Thema in f\u00fcnf Jahren?<\/p><p><em>Lion Hirth<\/em><\/p><p>Ich sage seit 15 Jahren voraus, dass wir bald eine glatte Marktl\u00f6sung haben werden, \u00e4hnlich wie in Benelux oder Gro\u00dfbritannien. In den letzten f\u00fcnf Jahren ist dies jedoch nicht geschehen. Die Zukunft h\u00e4ngt davon ab, welche Richtungsentscheidung von den Akteuren getroffen wird, insbesondere den \u00dcbertragungsnetzbetreibern und der Bundesnetzagentur. Die Diskussion kann in verschiedene Richtungen gehen, und ich hoffe, dass <a href=\"https:\/\/neon.energy\/Neon-Systemst%C3%BCtzende-Bilanzkreis-Bewirtschaftung.pdf\" target=\"_blank\" class=\"\" style=\"outline: none;\">unsere Studie<\/a> dazu beitragen kann, die Diskussion zu versachlichen und L\u00f6sungswege zu finden, um die Vorteile zu nutzen und gleichzeitig Bedenken zu ber\u00fccksichtigen.<\/p><p><em>Jan Aengenvoort<\/em><\/p><p>Lieber Lion, vielen Dank f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch.<\/p><\/div>","tve_custom_css":"@media (min-width: 300px){[data-css=\"tve-u-65706657d4a561\"] { max-width: 70%; --tve-applied-max-width: 70% !important; padding-top: 64px !important; padding-bottom: 0px !important; }:not(#tve) [data-css=\"tve-u-65706657d4a645\"] { text-transform: uppercase !important; }[data-css=\"tve-u-65706657d4a728\"] { --tve-toc-indent: 15px; max-width: 500px; float: left; z-index: 3; position: relative; --tve-alignment: left; margin-left: auto !important; margin-right: auto !important; 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