Wozu dienen die Rahmenverträge ISDA und EFET im Stromhandel?
Wer am Energiemarkt handelt, stößt früher oder später auf zwei Kürzel: ISDA und EFET. Beide stehen für standardisierte Rahmenvertragswerke für Energiegeschäfte zwischen zwei Großhandelsparteien. Dieser Artikel erklärt, was dahintersteckt und warum diese Verträge für den Strommarkt unverzichtbar sind.
Auf einen Blick
- EFET und ISDA sind die beiden marktüblichen Rahmenverträge für den außerbörslichen Stromhandel (OTC) in Europa. Sie bündeln alle Einzelgeschäfte zweier Parteien rechtlich zu einem einzigen Vertrag.
- EFET (herausgegeben von Energy Traders Europe) ist auf die physische Lieferung von Strom und Gas ausgelegt und der Standard im europäischen Energiegroßhandel.
- ISDA stammt aus dem Finanzderivategeschäft und kommt bei rein finanziellen Geschäften wie Swaps, Optionen oder virtuellen PPAs zum Einsatz.
- Beide ermöglichen Close-out Netting – die Verrechnung aller offenen Positionen zu einem einzigen Nettobetrag, etwa im Insolvenzfall. Faustregel: physische Lieferung → EFET, reine Geldzahlung → ISDA.
Definition: Was sind EFET und ISDA?
EFET und ISDA stehen für zwei Rahmenvertragsmuster im Energiegroßhandel. Im Stromhandel bilden sie das rechtliche Fundament eines großen Teils des europäischen Over-the-counter-Handels (OTC). Der Strombörsenhandel dagegen basiert auf Regelwerken der Börse und der Clearingstelle (z. B. EEX-Regelwerk und ECC Clearing Conditions), die ebenfalls in hohem Maße standardisiert sind.
Obwohl ISDA und EFET ähnliche Ziele verfolgen, unterscheiden sie sich deutlich in Herkunft, Anwendungsbereich und typischen Einsatzgebieten. Während EFET speziell für den Energiehandel entwickelt wurde, stammt ISDA aus dem internationalen Derivategeschäft. Dementsprechend kommt EFET vor allem bei physischen Lieferverträgen zur Anwendung und ISDA bei rein finanziellen Tauschgeschäften wie Swaps, Optionen oder virtuellen PPAs.
Warum braucht der Energiehandel Rahmenverträge?
Der europäische Stromhandel ist ein Geschäft immenser Handelsvolumina und ständiger Wiederholung. Energieversorger, Stadtwerke, Direktvermarkter, Industrieunternehmen und Energiehändler schließen täglich unzählige bilaterale Geschäfte miteinander ab, um Stromlieferungen für die kommenden Tage, Monate oder Jahre zu handeln.
Würde jede Transaktion einzeln ausgehandelt, wäre der Markt kaum handhabbar. Deshalb schließen zwei Parteien Rahmenverträge, innerhalb derer die einzelnen Trades lediglich über sogenannte Einzelabschlüsse oder Confirmations dokumentiert werden.
Doch auch eine individuelle Aushandlung solcher Rahmenverträge würde erheblichen Aufwand bedeuten. Schließlich müssen darin etliche Faktoren berücksichtigt werden, zum Beispiel: Lieferort, Zahlungsfristen, Kündigungsrechte oder Klauseln zu Force Majeure (FM) und Kontrahentenrisiko (auch: Gegenparteirisiko) – also zu dem, was geschieht, wenn eine Partei ihren Pflichten infolge höherer Gewalt respektive Insolvenz nicht nachkommen kann.
Deshalb gibt es standardisierte Rahmenverträge, die jedem Marktteilnehmer bekannt sind und die dann – je nach Bedarf – nur noch durch Anhänge und Vertragszusätze angepasst werden.
Solche juristisch sauberen Vertragsmuster geben beiden Seiten ein hohes Maß an Rechtssicherheit gegenüber dem Vertragspartner. Zudem ermöglichen sie es, regulatorische Anforderungen leichter zu erfüllen sowie Risiken effizienter zu steuern. Aus diesen Gründen erwarten oder fordern Aufsichtsbehörden, Risikomanager und Compliance-Abteilungen bei OTC-Geschäften mit Strom in aller Regel den Einsatz standardisierter Rahmenverträge nach EFET beziehungsweise ISDA.
Was ist EFET?
Ein EFET-Rahmenvertrag (offiziell EFET General Agreement) ist ein standardisierter Mustervertrag für den physischen Großhandel mit Strom und Gas in Europa, der alle Einzelgeschäfte zweier Parteien rechtlich zu einem Vertrag bündelt.
EFET steht für European Federation of Energy Traders, eine 1999 gegründete, in Amsterdam ansässige Branchenvereinigung europäischer Großhandelsenergiehändler, die sich 2024 in Energy Traders Europe umbenannt hat. Die alte Abkürzung steht jedoch weiterhin für die von dem Verband herausgegebenen Standardverträge, die den Akteuren an den damals frisch liberalisierten europäischen Energiemärkten seit Anfang der 2000er Jahre eine einheitliche vertragliche Basis bieten.
Heute gehören sie – einige Updates inklusive – zu den bedeutendsten Vertragswerken für den physischen Strom- und Gashandel in Europa.
Aufbau des EFET-Rahmenvertrags
Der EFET-Vertrag ist modular aufgebaut. Je nach Version unterscheidet sich die Einteilung leicht, typisch sind die folgenden Ebenen:
- General Agreement: der eigentliche Rahmenvertrag mit allgemeinen Bestimmungen zu Lieferung, Abnahme, Zahlung, Kündigung, Höherer Gewalt und anwendbarem Recht.
- Annex 1: Darin sind im Vertrag verwendete Begrifflichkeiten definiert.
- Annex 2 (Confirmation of Individual Contracts): Dies sind Vorlagen, in denen die konkreten Trades inklusive Preisen und Volumina dokumentiert werden.
- Election Sheet: Wahlblatt, auf dem die Parteien individuelle Optionen ankreuzen – z. B. Währung, Rechtswahl, Schwellenwerte für Sicherheiten.
Ergänzend gibt es Anhänge für Themen wie Credit Support (Sicherheitenstellung), die Möglichkeit elektronischer Confirmations sowie spezielle Produkte wie Herkunftsnachweise.
Dieser Baukasten erlaubt es, denselben Vertrag flexibel an unterschiedliche Märkte und Gegenparteien anzupassen, ohne das Grundgerüst neu zu verhandeln.
Wichtig dabei ist zu verstehen, dass EFET die Dutzende, Hunderte oder Tausende von Trades, die unter dem Rahmenvertrag stattfinden, in einem Vertrag bündelt. Dadurch wird das sogenannte Close-out Netting möglich. Es erlaubt, insbesondere im Falle eines vorzeitigen Vertragsendes, sämtliche offenen Positionen zu einer einzigen Summe zu verrechnen. Zum Close-out Netting und seiner Bedeutung später mehr.
Für wen ist EFET gedacht?
EFET ist der nahezu universelle Standard für den physischen OTC-Energiehandel in Europa: Stromversorger, Stadtwerke, Direktvermarkter erneuerbarer Energien, industrielle Endverbraucher mit eigenem Trading-Desk, Erzeuger und unabhängige Händler. Wer Strommengen tatsächlich liefern oder abnehmen will – sei es im Day-Ahead-, Intraday- oder Terminbereich – arbeitet in Europa fast immer auf EFET-Basis.
Der Vertrag adressiert genau die Themen, die im physischen Handel relevant sind: Bilanzkreiszuordnung, Lieferpunkte, Nominierungsfristen sowie das Verhalten bei Lieferschwierigkeiten etwa aufgrund schwerwiegender EDV-Probleme oder Netzausfällen (Force Majeure).
Ihre Gegenpartei am Großhandelsmarkt
Wir handeln an allen relevanten Märkten – physisch und finanziell, kurzfristig wie langfristig. Für Energieversorger, Handelsunternehmen und Stadtwerke – standardisiert oder individuell strukturiert.
Was ist ISDA?
Das ISDA Master Agreement ist der weltweit übliche Standardrahmenvertrag für außerbörsliche (OTC) Finanzderivate. Im Strommarkt regelt es rein finanzielle Geschäfte mit Strompreisen als Basiswert, etwa Swaps, Optionen oder virtuelle PPAs.
ISDA steht seit 1993 für die International Swaps and Derivatives Association in New York, die 1985 unter dem Namen International Swap Dealers Association gegründet wurde. 1987 legte die Branchenvereinigung das erste ISDA Master Agreement als Standardrahmenvertrag für den Derivatehandel auf.
Heute gilt es als vertragliche Grundlage des globalen Derivatemarktes und wird weltweit für nahezu jede Art außerbörslicher Derivategeschäfte eingesetzt – von Zinsswaps über Währungsoptionen bis zu Rohstoffderivaten.
Im Branchenjargon steht „ISDA" – ähnlich wie „EFET" – gleichermaßen für den Verband und für sein Standardvertragswerk. Auch im europäischen Strommarkt ist es das übliche Rahmenwerk für reine OTC-Finanzgeschäfte mit Strompreisen als Underlyings.
Aufbau des ISDA-Rahmenvertrags
Auch ISDA folgt einem mehrschichtigen Konzept:
- Master Agreement: Das eigentliche Rahmenwerk, das zwischen den Parteien inhaltlich nicht verändert wird, ist heute sowohl in der Fassung von 1992 als auch in der Version von 2002 gebräuchlich.
- Schedule: der individuell verhandelte Teil, in dem etwa die Wahl des nationalen Rechts, die Termination Currency oder Kündigungsmöglichkeiten festgelegt werden.
- Credit Support Annex (CSA): regelt die Stellung und Bewertung von Sicherheiten (Collateral).
- Confirmation: dokumentiert jeden einzelnen Trade mit seinen wirtschaftlichen Parametern (Menge, Preis).
Wie bei EFET gelten auch bei ISDA alle Confirmations zusammen mit dem Master Agreement als ein einziger Vertrag, sodass auch die Rechtsgrundlage für ein Close-out Netting gegeben ist.
Für wen ist ISDA gedacht?
Tatsächlich ist ISDA nicht speziell für den Energiemarkt geschaffen, sondern als Standard für Banken, Investmenthäuser, Versicherungen und Hedgefonds, aber durchaus auch für große Energieunternehmen mit ausgeprägter Finanzhandelsaktivität.
Im Strommarkt kommt ISDA überall dort zum Einsatz, wo Trades rein finanziell strukturiert sind und keine physische Lieferung nach sich ziehen. Dies ist insbesondere der Fall bei Strompreis-Swaps, finanziellen Optionen oder Differenzkontrakten (CfDs). Dies sind wichtige Hedginginstrumente, mit denen sich Strommarktakteure – von Stromerzeugern über Händler und Offtaker bis hin zum Großverbraucher – gegen Preisschwankungen absichern können. Da der Standard weltweit verbreitet ist, eignet er sich für nationale und internationale Geschäftsbeziehungen.
ISDA vs. EFET: Die wichtigsten Unterschiede
Sowohl ISDA als auch EFET sind Standard-Rahmenverträge für den internationalen OTC-Energiehandel, die jedoch für ganz unterschiedliche Arten von Transaktionen konzipiert und geeignet sind. Die Unterschiede auf einen Blick:
Komponente | EFET | ISDA |
|---|---|---|
Ursprung | Europäischer Energiehandel (Ende 1990er) | Internationaler Derivatemarkt (1985) |
Herausgeber | European Federation of Energy Traders (EFET, seit 2024: Energy Traders Europe) | International Swaps and Derivatives Association (ISDA) |
Anwendungsbereich | Energiemarkt: Strom, Gas, Emissionsrechte, Herkunftsnachweise | Sämtliche OTC-Derivate über alle Anlageklassen |
PPA-Bezug | Basis für physische PPAs | Basis für virtuelle/synthetische PPAs |
Standardisierung | Energiespezifisch | Finanzmarktorientiert |
Art der Energielieferung | Physisch | Finanziell/virtuell |
Geografische Verbreitung | Schwerpunkt Europa | Global |
Typische Gegenparteien | Versorger, Stadtwerke, Direktvermarkter, Erzeuger, Industriekunden | Banken, Asset Manager, Hedgefonds, Trading-Häuser, Energiehändler |
Rechtswahl | Häufig deutsches oder englisches Recht | Im europäischen Energiehandel meist englisches Recht |
Was ist Close-out Netting?
Close-out Netting ist ein Mechanismus, der bei vorzeitiger Beendigung eines Rahmenvertrags alle offenen Geschäfte zwischen zwei Parteien zu einem einzigen Nettobetrag verrechnet und damit das Gegenparteirisiko erheblich senkt.
Close-out Netting ist zentraler Bestandteil von EFET und ISDA. Danach werden – im Falle eines vorzeitigen Endes des Rahmenvertrags – sämtliche offenen Geschäfte zwischen den beiden Parteien zusammengefasst, gegeneinander aufaddiert und auf diese Weise zu einem einzigen Nettobetrag verrechnet.
Dieser Mechanismus greift also etwa, wenn eine der beiden Parteien zahlungsunfähig wird oder in anderer schwerwiegender Weise gegen den Vertrag verstößt. Close-out Netting ist einer der Hauptgründe, aus denen Aufsichtsbehörden sowie Risiko- und Compliance-Manager meist auf der Standarddokumentation nach EFET und ISDA bestehen.
Warum ist Close-out Netting so wichtig?
Denn das Close-out Netting eines Rahmenvertrags hat bei weitem nicht nur praktischen Nutzen. Würden die offenen Orders als jeweils eigenständiges Geschäft angesehen, könnten sie etwa im Falle einer Insolvenz unterschiedlich behandelt werden.
Je nach dem anzuwendenden nationalen Recht könnte ein Insolvenzverwalter dann – oder müsste sogar – die Forderungen und Gegenforderungen dergestalt ordnen und bewerten, dass Positionen, die der Insolvenzmasse zugutekommen, eingefordert würden und Verbindlichkeiten, die der Insolvenzmasse abträglich wären, außen vor blieben. Aus diesem Grund investieren ISDA und EFET erheblichen Aufwand in die Pflege von länderspezifischen Rechtsgutachten zur Wirksamkeit ihrer Netting-Klauseln.
Das Close-out Netting ist also substanziell für die Insolvenzfestigkeit eines Rahmenvertrags, weil es das Gegenparteirisiko ex ante für beide Parteien signifikant reduziert.
Für Banken und andere regulierte Marktteilnehmer hat das Close-out Netting noch eine weitere Funktion: Sie dürfen unter Basel III ihr Kontrahentenrisiko auf Nettobasis ansetzen – aber nur, wenn die rechtliche Durchsetzbarkeit des Nettings in der jeweiligen Jurisdiktion durch Rechtsgutachten („netting opinions") belegt ist. Die Rahmenverträge nach ISDA und EFET – Letztere etwa bei der Finanzierung von Erzeugungsanlagen auch für Banken relevant – sind wichtige Bausteine, um diese Anforderung zu erfüllen.
Beispiel für die Anwendung von EFET und ISDA
Um ein Blick in die Praxis zu werfen, betrachten wir das fiktive Beispiel einer physischen Liefervereinbarung unter einem EFET-Rahmenvertrag. Der Mechanismus für rein finanzielle Geschäfte unter einem ISDA Master Agreement funktioniert jedoch vollkommen analog mit OTC-Derivaten.
Ein deutscher Direktvermarkter und ein privates Versorgungsunternehmen aus Frankreich haben im Jahr 2024 einen EFET-Rahmenvertrag inklusive Election Sheet unterzeichnet.
Im Juni 2026 vereinbaren sie telefonisch mehrere Forwards mit jeweils 50 MW Baseload:
Kalenderjahr 2027: 93 EUR/MWh
Kalenderjahr 2028: 81 EUR/MWh
Kalenderjahr 2029: 74 EUR/MWh
Kalenderjahr 2030: 71 EUR/MWh
Statt eines neuen Vertragswerks tauschen beide Seiten nur noch eine Confirmation aus – ein ein- bis zweiseitiges Dokument mit genau diesen Eckdaten und einem Verweis auf den bestehenden EFET-Rahmenvertrag. Alles Weitere – Zahlungsfristen, Verzugszinsen, Force-Majeure-Regelungen, Kündigungsereignisse, Streitbeilegung – ergibt sich automatisch aus dem Rahmen.
Ab Januar 2027 liefert der Direktvermarkter Strom und rechnet monatlich die tatsächlich gelieferten Mengen nach dem vereinbarten Preis ab. Im Lieferjahr 2028 geht es so weiter, bis der französische Versorger Ende 2028 Insolvenz anmeldet.
Wie wirkt Close-out Netting in der Praxis?
Mit der Insolvenz des Versorgers tritt unter dem EFET-Rahmenvertrag ein sogenanntes Termination Event ein. Die Folge: Sämtliche noch offenen Forwards zwischen den beiden Parteien werden vorzeitig beendet. Es wird also weder weiter geliefert noch weiter gezahlt. Stattdessen bewertet die nicht insolvente Partei – hier der deutsche Direktvermarkter – jede einzelne offene Position zum aktuellen Marktpreis am Beendigungstag (Termination Date).
Aus der Differenz zwischen dem ursprünglich vereinbarten Kontraktpreis und dem aktuellen Marktpreis ergibt sich für jede Position ein positiver oder negativer Wert. Alle diese Werte werden anschließend zu einem einzigen Nettobetrag verrechnet, der dann entweder vom Insolvenzverwalter an den Direktvermarkter zu zahlen ist – oder umgekehrt vom Direktvermarkter als Forderung in die Insolvenzmasse einzubringen ist.
Was hätte ohne Close-out Netting geschehen können?
Um den ökonomischen Effekt des Close-out Nettings zu verdeutlichen, lohnt sich ein Blick auf das hypothetische Szenario ohne diesen Mechanismus. Betrachten wir dazu die beiden noch offenen Forwards für die Lieferjahre 2029 und 2030. Die 2028er-Tranche ist zum Termination Date bereits abgewickelt.
Bis zum Zeitpunkt der Insolvenz ist der Marktpreis für Baseload-Forwards 2029 auf 78 EUR/MWh gestiegen. Dem Direktvermarkter, der zum ursprünglich vereinbarten Preis von 74 EUR/MWh liefern müsste, würde also pro MWh ein Verlust von 4 EUR entstehen. Dem insolventen Versorger dagegen würde diese Position einen rechnerischen Gewinn von 4 EUR/MWh in die Insolvenzmasse spülen.
Gleichzeitig ist der Marktpreis für Baseload 2030 jedoch auf 65 EUR/MWh gefallen. Auch dem steht der vereinbarte Preis von 71 EUR/MWh gegenüber. Hier kehrt sich das Bild um: Der Direktvermarkter würde 6 EUR/MWh über Markt liefern, der insolvente Versorger müsste den entsprechenden Betrag zahlen, kann dies aber nicht tun, weil er ja zahlungsunfähig ist.
Ohne Close-out Netting könnte der Insolvenzverwalter – je nach anwendbarem nationalem Insolvenzrecht – versucht sein, beide Geschäfte isoliert zu betrachten: die für ihn wertvolle 2029er-Position als Forderung gegen den Direktvermarkter geltend zu machen, den Gegenanspruch des Direktvermarkters über die nachteilige 2030er-Position dagegen abzulehnen. Er könnte also versuchen die Rosinen aus dem beendeten Geschäftsverhältnis zu picken (Englisch: Cherry-Picking).
Im Ergebnis stünde der Direktvermarkter dann mit einem Verlust aus 2029 da, ohne im Gegenzug seinen Gewinn aus 2030 realisieren zu können – seine Forderung würde lediglich als unbesicherte Insolvenzforderung mit einer typischerweise sehr geringen Quote bedient.
Welchen Unterschied macht das Close-out Netting?
Das EFET General Agreement (bei finanziellen Geschäften, das ISDA Master Agreement) verhindert genau dieses Cherry-Picking: Es verpflichtet zur Anwendung des Close-out Nettings für alle Geschäfte unter dem Vertrag.
Bei jeweils 50 MW Baseload (rund 438.000 MWh pro Jahr) ergibt sich für die beiden betrachteten Positionen ein saldierter Wert von +2 EUR/MWh zugunsten des Direktvermarkters, also rund 876.000 EUR, die er als einheitliche Forderung in die Insolvenzmasse einbringen kann. Erst diese saldierte Betrachtung gibt ihm – ebenso wie allen anderen Marktteilnehmern – die nötige Planungs- und Bilanzsicherheit.
(Natürlich ist ebenso denkbar, dass am Ende des Close-out Nettings ein Saldo zugunsten des insolventen Vertragspartners steht. Dieser wird jedoch um sämtliche Gegenforderungen niedriger ausfallen, als bei erfolgreichem Cherry-Picking.)
PowerMatch - PPAs nach Maß
PowerMatch ist die PPA-Plattform von FlexPower, die es Erzeugern erneuerbarer Energien und Speicherbetreibern erstmals ermöglicht, direkt mit Stromverbrauchern aus Industrie und Gewerbe Strom zu handeln.
Wo begegnet man ISDA und EFET in der Praxis?
Auf dem europäischen Energiemarkt sind EFET und ISDA im OTC-Handel allgegenwärtig. Sie sind Grundlage für nahezu alle Stromhandelsgeschäfte, die nicht über eine der Strombörsen abgewickelt werden.
- OTC-Forwards: Wer Terminkontrakte bilateral statt über EEX oder Nasdaq handelt, braucht zwingend einen Rahmenvertrag. Bei physischer Erfüllung, also Forward-Kontrakten, ist das in aller Regel EFET.
- OTC-Derivate/Hedging: Strompreis-Swaps, Contracts for Difference (CfD: hier ein Hedging-, kein Förderinstrument), Caps, Floors oder Optionen etc. – sämtliche Hedges, mit denen Offtaker, Versorger oder industrielle Abnehmer Preisrisiken absichern, werden überwiegend unter einem Rahmenvertrag nach ISDA vereinbart und dokumentiert – besonders dann, wenn eine Bank die Gegenseite stellt.
- Power Purchase Agreements (PPAs): Oft als eigene Kategorie des Stromhandels wahrgenommen gehören auch PPAs, also langfristige bilaterale Stromlieferverträge zwischen Erzeugern und Abnehmern, zum OTC-Handel. Auch sie werden in Europa meist als physische PPAs auf EFET-Basis oder beinhalten EFET als Anhang. Bei synthetischen, rein finanziellen PPAs (auch Virtual PPAs genannt) kommt dagegen das ISDA Master Agreement zum Einsatz.
- Bilanzkreismanagement und Direktvermarktung: Führt ein Stromhändler im Auftrag eines Verbrauchers dessen Bilanzkreis oder vermarktet er die Assets eines Erzeugers oder Speicherbetreibers ist EFET ebenfalls eine häufige Grundlage für den Rahmenvertrag.
FAQ
EFET ist auf die physische Lieferung von Strom und Gas ausgelegt und in Europa Standard. ISDA stammt aus dem Finanzderivategeschäft und gilt für rein finanzielle Geschäfte wie Swaps, Optionen oder virtuelle PPAs. Faustregel: physische Lieferung → EFET, reine Geldzahlung → ISDA.
Physische PPAs werden in Europa meist auf EFET-Basis abgeschlossen oder enthalten EFET als Anhang. Synthetische, rein finanzielle PPAs (Virtual PPAs) laufen über das ISDA Master Agreement.
Close-out Netting verrechnet bei vorzeitiger Beendigung eines Rahmenvertrags alle offenen Geschäfte zweier Parteien zu einem einzigen Nettobetrag. Es senkt das Gegenparteirisiko und ist ein Hauptgrund, warum Aufsicht und Risikomanagement auf Standardverträgen nach EFET oder ISDA bestehen.
Für bilateral – also nicht über die Börse – gehandelte Geschäfte ist ein Rahmenvertrag praktisch unverzichtbar. Bei physischer Erfüllung ist das in Europa in aller Regel EFET, bei reinen Finanzgeschäften ISDA.
Beim EFET General Agreement ist häufig deutsches oder englisches Recht gewählt; deutsches Recht ist die Voreinstellung. Bei ISDA-Verträgen im europäischen Energiehandel überwiegt englisches Recht, im globalen Bankenkontext meist New Yorker Recht.
EFET wird von Energy Traders Europe herausgegeben (vormals European Federation of Energy Traders, gegründet 1999). ISDA stammt von der International Swaps and Derivatives Association.
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